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Quallen
Viel gefürchtet, wenig erforscht
Angst vor Quallen kann, muss aber nicht berechtigt sein. Denn: Längst nicht alle verfügen über ein Nesselgift, das für Menschen gefährlich ist. Quallen gehören zu den Meeren wie Fische. Allerdings sind sie wesentlich weniger beim Badespaß willkommen als die meist harmlosen Flossenträger. Dabei sind längst nicht alle Quallenarten um die Inseln für den Menschen gefährlich. Die Forschung um die Organismen schreitet nur langsam voran.
Mit dem Beginn der Badesaison treiben die Quallen wieder ins Bewusstsein des Menschen. Denn der beansprucht das Meer als sein sommerliches Hoheitsgebiet, in dem die glitschigen Nesseltiere nur stören. Die Meeresbiologin Verónica Fuentes ist auf ihre Spezies daher nicht sonderlich gut zu sprechen. „Dass das natürliche Gleichgewicht im Meer zunehmend aus den Fugen gerät, dafür ist ohne Zweifel der Mensch verantwortlich“, sagt die am Meeresforschungsinstitut Instituto de Ciencias del Mar (ICM) in Barcelona forschende Wissenschaftlerin.
Spätestens als Anfang Juni Bilder von in der Cala Vadella gestrandeten Portugiesischen Galeeren (Physalia physalis) in der Lokalpresse auftauchten, wurde die diesjährige Quallensaison als eröffnet erklärt. Dabei handele es sich um ein völlig normales Geschehen, sagt Fuentes. Meeresströmungen drückten jedes Frühjahr Massen von Portugiesischen Galeeren durch die Meerenge von Gibraltar ins Mittelmeer. Die Chance, dass diese für den Menschen gefährliche Ansammlung von Polypen (siehe Seite 106) die balearischen Gewässer erreichen, sei jedoch gering. „Das Mittelmeer ist nicht ihr natürlicher Lebensraum, hier sterben sie innerhalb weniger Wochen“, sagt Fuentes.
Verlässliche Studienergebnisse, die Aufschluss geben über die Proliferation von Quallen in spanischen Gewässern, sind Mangelware. Einzig die katalanische Landesregierung stellt über die Agencia Catalana del Agua seit 2007 Fördermittel bereit, damit Wissenschaftler wie Fuentes das Phänomen der ungeliebten Meeresbewohner ausleuchten. Handfeste Ergebnisse können die Experten bislang noch nicht vorweisen. „Wir arbeiten mit Daten, die bis ins Jahr 2000 zurückgehen“, sagt Veronica Fuentes, „für eine verlässliche Auswertung brauchen wir aber deutlich mehr Material.“
Fuentes unterscheidet grob zwei Typen von Quallen: solche, die naturgemäß im offenen Meer leben und solche, die küstennahe Gewässer bevorzugen. Die auf den Balearen am häufigsten vorkommende Quallenart, die Leuchtqualle (Pelagia Noctiluca), fühle sich eigentlich fern jeglicher Zivilisation am wohlsten. „Mit den Strömungen erreichen diese Quallen jedoch die Küsten, vor allem in den Sommermonaten“, sagt Fuentes. Ob sie das tatsächlich in zunehmend größerer Zahl tun, wie die öffentliche Meinung in den vergangenen Jahren suggeriert, lässt sie dahingestellt. Als Wissenschaftlerin blockt die Meeresbiologin subjektive Wahrnehmungen ab. „Bislang ist vieles nur Spekulation.“
Als relativ sicher hingegen gilt die These, dass die Überfischung des Mittelmeers einen entscheidenden Beitrag zur ungestörten Ausbreitung der Quallen geliefert hat. Auch wenn die Wissenschaftlerin Fuentes Einspruch erhebt, dass es sich „eben nur um eine These“ handele. Deren natürliche Feinde, der Thunfisch und die Schildkröte, landen zunehmend auf dem Teller des Menschen oder verenden in Fangnetzen. Giampiero Mancici, Leiter der Tauchschule Punta Dive, zählte vor zwanzig Jahren während eines Sommers noch „zehn bis fünfzehn Schildkröten“. Das letzte Exemplar, das ihm vor die Taucherbrille schwamm, hat der Italiener „vor fast zehn Jahren“ gesehen. Das Fernbleiben der natürlichen Feinde erleichtert den Quallen zudem die Nahrungssuche, sie müssen das Unterwasserbuffet mit weniger Meeresbewohnern teilen.
Fuentes relativiert auch die Bedeutung, die Regenfällen gerne zugeschrieben wird. „Dass abfließendes Regenwasser, das Flüsse ins Meer leiten, entlang der Küste eine Art Süßwassergürtel bilden, ist erwiesen“, sagte die Meeresbiologin. Auch dass Quallen nicht sonderlich auf Süßwasser stehen und sich dann gezwungenermaßen von den Stränden fernhalten, müsse nicht angezweifelt werden. Nur warnt sie davor, die Komplexität der Interaktion von Regen und Quallenaufkommen zu unterschätzen. „Es gibt einen Zusammenhang, aber Regen als entscheidenden Faktor einzustufen, halte ich für übertrieben.“ Dazu müsste schon sintflutartig Wasser vom Himmel fallen, und das über einen längeren Zeitraum.
Wissenschaftlicher Anspruch schön und gut, doch wie sieht es mit Quallen in diesem Sommer nun aus? Bisher sei die Lage an den Stränden ruhig, sagt Diego Ponce, der sich für die Gemeindeverwaltung von Sant Antoni mit den glitschigen Störenfrieden befasst. „Wir haben einige Leucht- und Segelquallen registriert, aber das ist normal.“ Sant Antoni ist bislang die einzige Gemeinde auf den Pityusen, die sich aktiv darum bemüht, den Wissenschaftlern um Fuentes Datenmaterial bereitzustellen. „Wir fassen die Vorkommnisse zusammen, die uns die Rettungsschwimmer übermitteln, zum Beispiel Behandlungen von Badegästen nach Kontakt mit einer Qualle, und geben sie gesammelt an das Instituto de Ciencias del Mar (ICM) weiter“, sagte Ponce. Inzwischen haben auch die anderen Gemeinden ihre Absicht geäußert, in Zukunft den Forschern Datenmaterial zur Verfügung zu stellen.
Recht gelassen steht man dem Phänomen Quallen in der balearischen Landesregierung gegenüber. Dort gibt es keine Pläne, dem Beispiel Kataloniens zu folgen und Quallen unter ständige Beobachtung zu stellen. „Ist ja schön und gut, dass die das machen“, heißt es aus der Pressestelle des Umweltministeriums, das in der laufenden Legislaturperiode bereits drei Minister kommen und gehen sah, „aber ist das eine Garantie dafür, dass die Strände in Katalonien von Quallen verschont bleiben?“ Auch wird die Idee, Fischer anzuheuern, die im Notfall kurzfristig Quallenbänke aus dem Meer entfernen, nicht weiter verfolgt. Über die Gründe gibt man ungern Auskunft, und verweist auf die hohe Fluktuation auf dem Ministersessel.
Dem Mensch wird vermutlich nichts anders übrig bleiben, als sich im Meer mit den Quallen zu arrangieren. Denn erstens haben die Quallen Hausrecht, und zweitens gibt es derzeit kein Rezept, womit sich der Badende die Glibbertiere vom Leib halten kann. Netze aufzuspannen, wie es Gemeinden vereinzelt schon erwägten, sei keine Lösung, sagt die Meeresforscherin Fuentes. „Selbst wenn sie Quallen aufhalten, einzelne Tentakel würden vom Körper getrennt und mit der Strömung an die Strände gespült werden.“ Und das Nesselgift sitzt bekanntermaßen in den Tentakeln.
Quallen – im wissenschaftlichen Sprachgebrauch auch Medusen genannt – bevölkern seit mehr als 500 Millionen Jahren die Weltmeere. Sie bestehen zu 98–99 Prozent aus Wasser und zwei einschichtigen, nur knapp ein fünzigstel Millimeter dicken Gewebslagen – der Außenhaut und Innenhaut. Dazwischen liegt eine zellfreie Schicht, die Mesogloea.
Meist haben Quallen lange Tentakel, die mit Nesselzellen besetzt sind. Diese dienen zum Fang von Beutetieren und/oder zur Verteidigung. Diese Nesselzellen, die bei Berührung mit einem Druck von (durchschnittlich) 150 bar aufplatzen, enthalten oftmals ein giftiges Sekret. Nachdem die Quallen auf diese Weise ihr Gift verbreitet haben, werden die Nesselkapseln abgestoßen und neue gebildet.
Quallen schwimmen mittels kontraktierenden Bewegungen ihres Schirms. Mit diesem Prinzip können sie bis zu zehn Kilometer pro Stunde zurücklegen. Grundsätzlich lassen sie sich jedoch von Strömungen treiben.
Am häufigsten treffen wir hier (leider) auf die Leuchtquallen. Insgesamt sind aber neun Arten in den hiesigen Mittelmeergewässern unterwegs.
1. Leucht- oder Feuer-Qualle (Pelagia noctiluca) Die hier am häufigsten vorkommende Quallenart. Der runde Schirm hat einen Durchmesser von 5 bis 10 Zentimetern und schimmert meist rosafarben bis braun. Die Nesselkapseln können die menschliche Haut durchdringen und ein heftiges Brennen verursachen. Oft müssen die Wunden ärztlich behandelt werden.
2. Spiegelei-Qualle (Cotylorhiza tuberculata) Von dieser exotisch anmutenden Qualle geht keine Gefahr für den Menschen aus, die Nesselfäden sind völlig ungefährlich. Die Spiegeleiqualle macht optisch ihrem Namen alle Ehre und ist daher leicht zu erkennen. Ihr Durchmesser beträgt 20 bis 35 Zentimeter.
3. Lungen-Qualle (Rhizostoma Pulmo) Diese transparente Qualle erreicht einen Durchmesser von 10 bis 40 Zentimetern und weist am Rand einen violetten Streifen auf. Der Hautkontakt mit der Lungenqualle sollte tunlichst vermieden werden, ihre Nesselzellen führen zu ähnlich starken Verbrennungen wie die der Feuerqualle.
4. Ohren-Qualle (Aurelia aurita) Auch diese Quallenart kommt in balearischen Gewässern häufig vor. Sie hat einen flach gewölbten weiß bis gelblichen Schirm, der einen Durchmesser von 20 bis 30 Zentimetern erreicht, mit vier ringförmigen Geschlechtsorganen. Von der Ohrenqualle geht für den Menschen eine nur geringe Gefahr aus.
5. Kompass-Qualle (Chrysaora hysoscella) Könnte aufgrund ihrer Musterung auch Backgammon-Qualle heißen: 16 braune, spitze Dreiecke auf einem hellen, transparenten Schirm mit bis zu 30 Zentimetern Durchmesser. Ihre Nesseln verursachen starke Hautirritationen.
6. Portugiesische Galeere (Physalia physalis) In Wirklichkeit keine Qualle, sondern ein Verbund aus einer Vielzahl von Polypen, die auf unterschiedliche Aufgaben spezialisiert sind. Im Mittelmeer kommt die Portugiesische Galeere nur sehr selten vor, ihr Lebensraum ist der Atlantik. Sie wird bis zu 30 Zentimeter lang und bis zu 10 Zentimeter breit, farblich schwankt sie zwischen violett und transparent. Eine Luftblase hält sie an der Wasseroberfläche und macht sie recht gut sichtbar. Badegäste sollten um die Portugiesische Galeere einen großen Bogen machen. An ihren bis zu 50 Meter langen Tentakeln finden sich bis zu 1000 Nesselzellen pro Zentimeter. Diese enthalten ein Gift, das bei Hautkontakt in Extremfällen zu Atemstillstand und Herzversagen führen kann.
7. Segel-Qualle (Velella velella) Diese nur wenige Zentimeter große Quallenart – im eigentlichen Sinne besteht sie aus Tierkolonien aus Geschlechts- und Fangpolypen – ist mit einem kleinen bläulichen „Segel“ über der Wasseroberfläche und kräftig blauem Körperrand ausgestattet. Menschen fügt sie keinerlei Schaden zu. In den Gewässern rund um die Pityusen kommt die Segelqualle recht häufig vor.
8. Wurzelmund-Qualle (Rhizostoma octopus) Der Körper der Wurzelmundqualle, auch Blumenkohlqualle genannt, ist von recht fester Konsistenz. Der Durchmesser ihres weißen bis cremefarbenen Schirms beträgt etwa 50 Zentimeter, die zahlreichen Randlappen weisen eine dunkelblaue bis violette Färbung auf. Die Wurzelmundqualle ist ein guter Schwimmer. Am Schirm sind Nesselzellen vorhanden, deren Gift für den Menschen aber kaum spürbar ist.
9. Kristall-Qualle (Aequorea forskalea) Die Kristallqualle (Bildmitte) ist transparent und hat einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern. Charakteristisch sind die zahlreichen feinen Streifen, die sich sternförmig über ihren Schirm ziehen. Die Kristallqualle ist für den Menschen völlig ungefährlich.
Was tun bei Hautkontakt mit den Nesseln? Das lesen Sie auf der 2. Seite
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