Mandelblüte, illegale Vermietung, Strafe statt Hilfe und der falsche Weg der Politik sind heute die Themen des Chefredakteurs von IbizaHEUTE
Liebe Leser,

die Mandelbäume blühen auf Ibiza und Formentera. Sie sind die Frühlingsboten der Inseln, sehnsüchtig erwartet von den Menschen, die hier leben. Denn, wenn die Mandelbäume blühen, ihren Duft verströmen und von Bienen und Schmetterlingen umschwärmt werden, ist klar: Der Winter mit seinen oft kalten Winden und Stürmen aus dem Norden ist besiegt. Ein wichtiges Ereignis auf den Inseln, wo auch heute noch viele Häuser ohne Heizung sind. Bei den alten Fincas reichte der riesige Kamin, in dem außen und auf halber Höhe die winterlichen Schlafstellen gemauert waren.
Der Winter spielte sich dort in der großen Küche und dem Kamin statt, er war die einzige Wärmequelle des Hauses. Erst wenn die Wärme kam, zog man in die anderen Räume und in die Schlafzimmer. So wird das Ende des Winters mit der Mandelblüte von den Inselbewohnern regelrecht gefeiert. Sonntags geht es mit Freunden und der Familie fröhlich in die Mandelblüte. Auf Ibiza traditionsgemäß nach Santa Agnès ins Tal der Krone. Da sind dann mittags die Terrassen der beiden Restaurants an der Kirche des kleinen Ortes überfüllt. Deshalb lieber in der Woche gehen…
Der Spaziergang durch das Tal der Krone mit seinen Tausenden Mandelblüten ist für mich immer ein Muss, auch wenn die blühenden Bäume von Jahr zu Jahr weniger werden. Viele sind überaltert. Andere wurden nicht gepflegt, weil die Ernte der Mandeln mühselig ist und sich scheinbar nicht lohnte. Doch in den vergangenen Jahren wurden neue Bäume gepflanzt. Und das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass die Mandeln teuer geworden sind und sich so die Ernte wieder lohnt – es ist auch ein Zurück zur Tradition. Viele – gerade junge Insulaner – entdecken wieder den Ursprung ihrer Insel. Sie kehren zurück zu den Wurzeln und zu dem, was Ibiza über Jahrhunderte Ibizas Seele war: der Einklang mit den Jahreszeiten und der Natur der Insel. Gleiches gilt für Formentera.
Natürlich gibt es immer mehr Luxus, werden immer mehr früher einfache Hotels aufwendig zu 5-Sterne-Luxus-Häusern umgebaut. Natürlich – und leider – fallen weiter Pinienwälder dem Bau von teuren Villen zum Opfer, die von Investoren, die oft nicht einmal von der Insel stammen, dann mit Millionengewinnen an reiche Ausländer verkauft werden. Und es bleibt weiter traurige Tatsache, dass hier geborene Ibizenker die Insel verlassen müssen, weil sie sich die teuren Immobilien und die teuren Mieten nicht mehr leisten können. Und dann fällt oft der Satz: „Das sind die Ausländer schuld. Die kaufen die Insel auf und treiben die Preise für die Wohnungen in die Höhe!“
Da muss ich aber die Frage stellen: Wer verkauft denn die Grundstücke am Meer oder an den Berghängen und verdient damit Millionen? Das sind vor allem doch die Einheimischen. Sie machen so schnell das große Geld. Um sich, wie ich es bei Gesprächen oft erlebe, später darüber aufzuregen. Zitat: „Ich habe vor drei Jahren mein Grundstück für eine Million Euro an einen Ausländer verkauft, und jetzt ist es das Doppelte wert…“ Da ärgert nicht der angebliche Ausverkauf der Insel, sondern nur, dass man zu angeblich früh verkauft und nicht noch eine Million mehr verdient hat.
Und es sind auch meist nicht die Ausländer, die jetzt vor Saisonbeginn ihren Mietern die Miete extrem drastisch erhöhen oder sie kündigen. Es sind vorwiegend die Ibizenker. Dem Angestellten einer befreundeten Firma passierte es, dass der einheimische Vermieter ihm offen sagte: „Tut mir leid, aber das, was du im Monat zahlst, bekomme ich von den Touristen in drei Tagen. Du musst verstehen, dass ich da nicht nein sagen kann!“ Der Gekündigte ist erst einmal bei Bekannten untergekommen, muss aber bis Anfang Mai ausziehen, weil dann bis Herbst alles von Urlaubern ausgebucht ist! Dass die Vermietung an Touristen in beiden Fällen illegale Ferienvermietung ist, interessiert dabei die Vermieter nicht: „Machen doch alle!“ „Bekommt schon keiner mit!“ Und so geht die gezahlte Miete zudem noch „bläck in die Täsch“ – schwarz in die Tasche – und am Finanzamt vorbei. Da wird doppelt verdient.
In diesem Jahr wird es wohl wieder so sein, dass Menschen, die hier feste Arbeit haben, meist auch Familie, die fleißig arbeiten, keine bezahlbare Wohnung finden. Die dann in Zelten oder in selbst gebauten Hütten irgendwo im Wald leben müssen, wo sie dann wieder vertrieben werden. Und wenn sie das Geld für einen gebrauchten Wohnwagen aufbringen können, ist das auch nur scheinbar eine Lösung. Wohin damit? Die öffentlichen Parkplätze sind mit Höhensperren so ausgestattet, dass kein Wohnwagen oder Wohnmobil dort hineinkommt. Und wenn man länger als ein paar Tage steht, drohen Politik und Polizei mit hohen Strafen.
Natürlich sehen reihenweise Wohnwagen an den Durchgangsstraßen oder in Wohngebieten nicht besonders schön aus und passen nicht zum gewünschten Image der Insel. Aber wo sollen die Menschen denn hin, die hier als Handwerker, als Kellner, als Büroangestellte, als Verkäufer fleißig arbeiten? Strafe und Vertreibung können doch nicht die Lösung sein. Plätze mit sanitären Einrichtungen für diese Menschen und ihre Unterkünfte – ob Zelte oder Wohnmobile – zu schaffen, wäre eine Lösung und eigentlich Aufgabe der Gemeinden. Aber das passiert nicht. Da schickt man lieber die Polizei, bestraft oder löst illegale Siedlungen mit Gewalt auf.
Für mich ist totales Versagen der Politik, die ja zum Wohl der Menschen, aller Menschen da sein soll. Ist sie aber offensichtlich nicht. Vielleicht werden die Verantwortlichen wach, wenn es keine Handwerker, kein Servicepersonal, keine Arzthelfer mehr gibt. Aber dann ist es zu spät. Dann hat eine Luxus-Insel niemanden mehr, der sich um den Luxus kümmert. Wie es ein Klempner drastisch sagte: „Da müssen die Milliardäre selbst ihr verstopftes Klo freibekommen!“ Ich hoffe, die Politiker sehen vorher die große Gefahr, die für die Inseln lauert.
Ich weiß, es sind keine schönen Gedanken an diesem schönen Sonntag auf Ibiza, wo die Sonne vom knallblauen Himmel scheint und die Mandelbäume den Duft ihrer großen Blüten verbreiten. Aber wo die Sonne ist, gibt es leider auch Schatten…
Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag und auch einen guten Start in die Woche, wo immer Sie sind.





