Die Ibizenkerinnen Carmen Guasch Escandell (1944) und ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester Guillermina sind Mitglieder der Malerinnen-Gruppe „Ses Carlines“ in Sant Carles. Sie geben in Aquarell oder Acryl gekonnt Eindrücke Ibizas wieder. Die Felsinsel Es Vedrà oder malerische Winkel von Dalt Vila, wo ihre Familie lebte. Die beiden erinnern sich an die Weihnacht ihrer Kindheit und beteuern, dass sich eins nicht geändert hat: „Weihnachten ist immer noch das wichtigste Familienfest“.

Als Kinder feierten sie im kleinen, aber schönen Haus ihrer Großeltern gegenüber vom Archäologischen Museum. Die Großmutter hatte neun Kinder geboren, darunter die Mutter von Guillermina und Carmen. Die Gesellschaft war entsprechend groß, wenn sich alle am Weihnachtstag zusammenfanden. Gekocht haben die Frauen, die Großmutter und ihre Töchter, später auch Guillermina. Und alle freuten sich auf die Speisen: Im Ofen brutzelten Hähnchen und Lamm, als Dessert gab es Turrón und die ibizenkische Salsa de Nadal (siehe hier).
Auch frische Mandarinen schmückten den Tisch. Wein aus der Bodega und Wasser standen für die Erwachsenen bereit. „Wir Kinder tranken Wasser. Coca Cola oder so etwas bekamen wir nicht“, lacht Carmen. Beide Schwestern sind sich einig, dass der Wein aus der Bodega das war, was wir heute als nachhaltig anpreisen. Ein Mehrwegsystem ohne Verschwendung. Man ließ sich seine Flasche oder Bota aus Leder auffüllen und basta! Überhaupt war Verschwendung nicht angesagt, es wurde auf Wirtschaftlichkeit geachtet.
Fröhliche Gesellschaft
Den spanischen Cava gab es höchstens nach dem Essen, „um sich den Mund zu spülen“, wie Guillermina erzählt. Und Kaffee kam nicht aus teuren Design-Maschinen, sondern wurde auf dem Herd gekocht und durch ein Sieb gegossen. Die Erwachsenen waren eine fröhliche Gesellschaft, sie trugen Gedichte vor und sangen Weihnachtslieder. Manchmal tanzten die Tanten sogar auf dem Tisch, was die Kinder begeistert beobachteten, erzählen die beiden. Fotos wurden damals nicht gemacht, damit könnten sie leider nicht dienen, schmunzeln sie.

Heute mit Cannelloni
Später setzten sie alle gerne diese Bräuche fort. Sie mussten das ihrer Mutter versprechen, aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Am Weihnachtstag treffen sie sich auch heute noch mal bei dem einen, mal bei dem anderen, oft bei der Tochter, die am meisten Platz hat. Guillermina macht Cannelloni, für die sie berühmt ist, und die Salsa de Nadal gehört auch immer dazu.
Selbst die Tischdecken sind nicht etwa gekauft, sondern von den Schwestern gefertigt. „Wir Frauen haben alle viele Handarbeiten gelernt und sind darin sehr geschickt“, nickt Carmen.

Ob die Großmutter sich an Weihnachten mit der ibizenkischen Tracht kleidete, fragen wir in romantischer Verblendung. „Nein“, kommt es entschieden. „Die Tracht aus schwarzem Rock und Tuch trugen die Payesas, die Frauen auf dem Land. Unsere Familie lebte in der Stadt“. Die Großmutter war ganz modern gekleidet.
Heilig Abend und Dreikönigstag
Und Geschenke, wann gab es die? Nicht am Heiligen Abend. Der Brauch mit dem Weihnachtmann und dessen Gaben, den haben sie erst später übernommen. Auf Ibiza war der Heilige Dreikönigstag, kurz „Reyes“ genannt, die große Freude der Kinder. „Wir haben später die Gaben in unseren Familien dann auf beide Tage verteilt und uns an Reyes sogar verkleidet, um in den Wohnungen von Freunden die Kinder zu bescheren“, erzählt Guillermina.
Die beiden haben noch einen Bruder, alle drei haben je zwei Kinder und die Kinder natürlich auch Nachwuchs. Und so geht es weiter und die Familien treffen sich an Weihnachten: viele Personen, gutes Essen und große Freude.
„Bon Nadal“ für alle, wünschen wir und ein glückliches neues Jahr!



