Der Chefredakteur von IbizaHEUTE schreibt in seinem Editorial über Zäune und Felsbrocken, die jetzt den Zugang zur Plattform an der Steilküste von Es Vedrà unpassierbar machen, um den Touristen-Rummel beim Sonnenuntergang zu verhindern.
Liebe Leser,

viele von Ihnen werden sich – wie ich – an das überwältigende Gefühl erinnern, wenn man auf der Steilküste gegenüber von Es Vedrà stand und auf das Meer und die gigantische fast 400 Meter hohe Felsen-Insel schaute. Bei mir war es immer Gänsehaut pur. Manchmal bin ich mit Freunden und einer Flasche Wein dort gewesen, wenn abends die untergehende Sonne den Gipfel von Es Vedrà erst in goldenes Licht tauchte, bevor sie mit unbeschreiblichen Farben am Himmel im Meer versank. Wir haben dabei kaum Wort gesprochen, waren ergriffen von diesem Naturereignis.
Ich schreibe bewusst in der Vergangenheit, weil es dieses unmittelbare Erlebnis wohl nicht mehr geben wird, genauso wenig wie den Abstieg runter zum Meer und „Atlantis“. Dort, wo einst die Zugänge zur Plattform gegenüber der Felseninsel waren, wurde jetzt ein Zaun gebaut, der gestern vollendet wurde. Und auf dem kleinen Parkplatz, auf dem ich mein Auto abgestellt habe – mit offenen Türen – wird kaum noch ein Wagen parken können: Der Zugang gesperrt, der Platz mit Felsbrocken unpassierbar gemacht. Übrigens, die offenen Auto-Türen signalisierten Dieben, die manchmal im Gebüsch lauerten: Hier ist nichts zu holen – und verhinderten eingeschlagene Scheiben und geknackte Schlösser …
Zäune und mit Felsbrocken unpassierbare Wege – das ist die verzweifelte Maßnahme der Eigentümerin des Gebietes. Es ist nämlich nicht nur Naturschutzgebiet, es ist auch Privatbesitz – genauso wie der Piratenturm. Die Besitzerin wusste, wohl in Absprache mit den Behörden, keinen anderen Weg mehr, als alle Menschen von diesem spektakulären Blick auf Es Vedrà auszusperren. Denn was dort in der Saison der vergangenen Jahre passierte, war unglaublich und widerwärtig. Die Steilküste mutierte beim Sonnenuntergang zur primitiven Partymeile.

Tausende Touristen strömten dorthin. Illegale Stände verkauften Bier, Cola und Co. in Dosen, die dann leer getrunken dort liegenblieben. Die Becher vom Mojito-Cocktail-Stand (mit lauter Musik) landeten ebenfalls in den Büschen, auf dem Boden oder in den Felsen der Steilküste. Rummel und Müllkippe statt Ehrfurcht vor der Natur. Die Anwohner, die dort ihre Fincas haben, erlebten den Rummel Abend für Abend und auch einen Albtraum. Parkende Autos blockierten ihre Zugänge, die Tore zu den Häusern wurden aus den Angeln gehoben oder einfach mit einem Geländewagen aufgedrückt, um dann dort zu parken. Morgens zogen die Anwohner mit Müllsäcken los, um den Dreck der Sonnenuntergangs-Partys wegzuräumen.

Die Polizei war machtlos gegen die Hunderte von einfach am Straßenrand abgestellten Autos, bei denen es oft kein Durchkommen mehr gab. Auch nicht für Rettungsfahrzeuge bei Unfällen oder die Feuerwehr sollten Wald und Häuser brennen. Der Treppenwitz: Vor einigen Wochen empfahl eine Agentur, die der Balearen-Regierung angeschlossen ist, Touristen noch den Besuch der Vedrà-Steilküste als einer der romantischsten Plätze Ibizas zum Sonnenuntergang. Wohl wissend, dass es sich um ein Naturschutzgebiet und Privateigentum handelt. Da half auch der Satz nicht viel, man solle mit der Natur pfleglich umgehen. Wie das aussah, mussten die Anwohner ja erleben.
Wie gesagt, damit ist erst einmal Schluss. Zäune und Felsbrocken blockieren die Zufahrten, Hindernisse an den Straßen verhindern die Wild-Parker – sollen sie zumindest. Ganz nebenbei: Eine Leserin, die dort ihre Finca hat, schrieb mir: „Ich wollte mit Nachbarn wetten, dass es nicht lange dauert, bis wir die eingerissenen Zäune und den ersten Touristen auf dem Piratenturm sehen. Keiner hat die Wette angenommen …“
Ach ja, der Piratenturm. Er war vor Jahren noch frei zugängig und bot einen grandiosen Blick auf Es Vedrà und das Meer. So wie ihn die Wächter hatten, die im 18. Jahrhundert auf das Meer schauten, um die Insulaner zu warnen, wenn die Schiffe der gefürchteten Piraten am Horizont auftauchten. Auf dem Turm verbrannte sich vor Jahren ein Mensch, andere kratzen Botschaften in die uralten Mauern wie „Biggi und Manfred waren hier“. Die Besitzerin reagierte auf die Zerstörung des historischen Turms und ließ ein massives Eisengitter vor dem Eingang anbringen. Das hinderte trotzdem einige Besucher nicht, am Turm über die Außenmauer auf die Plattform zu klettern.

Das alles scheint nun vorbei zu sein. Ausgesperrt werden so aber auch die Menschen, die mit Ehrfurcht vor der Natur den Sonnenuntergang oder den Anblick auf Es Vedrà erleben möchten. Sie haben eins der schönsten und beeindruckenden Erlebnisse weniger, die Ibiza so einzigartig machen. Ich gehöre dazu.
Aber was ich mit diesem Editorial sagen will, ist: Der Massen-Tourismus und die Einstellung leider nicht weniger Touristen zu dem Land und der Insel, wo sie Gast sind – aber sich nicht als Gast benehmen, zerstört Schönheit, Tradition und Einmaligkeit. Und es ist mehr als traurig, wenn sich die, die davon überrollt werden, mit Zäunen und Felsbrocken wehren müssen. So stirbt wieder ein Stück Seele Ibizas. Fragen Sie mich nicht nach einer Lösung. Ich weiß leider keine. Nicht in einer Gesellschaft, wo Respekt und Ehrfurcht immer mehr von Egoismus und Rücksichtlosigkeit verdrängt werden.




