Liebe Leser,

ich schäme mich. Ich schäme mich für Ibiza. Denn das, was in der vergangenen Woche geschah, ist wirklich unfassbar. Nein, ich spreche nicht von der Schließung des Gastro- und Deko-Geschäftes „Sluiz“. Da wurde seit Jahren massiv gegen Baugesetze verstoßen und Sicherheits-Standards zum Schutz von Kunden und Mitarbeitern bei Brand oder Panik nicht eingehalten. Da musste die Behörde eingreifen. Man kann darüber streiten, ob die Schließung mit einer Frist von nur 48 Stunden angemessen war, nachdem viele Jahre nichts passierte …
Ich spreche jetzt von der Räumung der Not-Siedlung „Can Rova“ im Gebiet der Gemeinde Santa Eulària, wobei das Wort Siedlung reichlich übertrieben ist. Dort lebten Menschen in Zelten, Autos, alten Wohnmobilien, primitiven Hütten. Es war kein Unterschlupf der Drogenmafia oder krimineller Banden. Es waren ganz normale Menschen, die hier einen menschenunwürdigen Unterschlupf gefunden hatten: junge Frauen, Männer, Familien mit Kindern. Fast alle arbeiten – im Service der Restaurants, als Hilfen im Hotel, als Verkäuferinnen, als Handwerker, als Gärtner. Sie verdienten mit ehrlicher Arbeit Geld.
Aber das reichte nicht, um eine der teuren Wohnungen auf Ibiza zu bezahlen, wenn man überhaupt eine Wohnung gefunden hätte. Die Menschen hatten auf einem Grundstück einen Platz gefunden, wo sie leben konnten. Obwohl dieses Leben ohne vernünftige sanitäre Einrichtungen in Baracken, alten Wohnwagen und Zelten mit dem Leben, wie wir es kennen, nichts viel zu tun hatte.
Das Grundstück gehört sechs Brüdern. Einer davon verdiente reichlich Geld mit dem Schicksal der Bewohner. Das passte zwei Brüdern nicht. Sie klagten vor Gericht gegen die Not-Siedlung auf dem Gelände und erhielten Recht. Der Richter ordnete die Räumung der – natürlich illegalen – Unterkünfte an. Das Gesetz verlangte es so.
Und da ist die Polizei verpflichtet, die Anordnung des Gerichtes auszuführen und den Platz zu räumen. Wie das geschah, darüber hat Cristina Martín Vega, die Chefredakteurin der Tageszeitung „Diario“, einen Kommentar geschrieben, der nicht nur mich fassungslos macht. Erst einmal wurden die Journalisten vom Ort verwiesen, „zu ihrer eigenen Sicherheit“, wie es hieß. Dann räumten 40 schwer bewaffnete Polizisten der Guardia Civil, zum Teil mit Helmen und Schildern ausgerüstet, und 12 Beamte der Policia Local den Platz. Journalisten waren als neutrale Beobachter ja nicht mehr dabei – Platzverbot wie in einer Diktatur. Aber die Anwohner filmten den Einsatz.
Und diese Videos treiben einem die Tränen in die Augen. Junge Menschen laufen in Panik umher. Eine Mutter mit ihrem Baby auf dem Arm fragt verzweifelt einen der Schwerbewaffneten: „Wo sollen wir denn hin?“ Ein Mädchen schreit einen Polizisten an, der eine Frau mit einem Kind mit dem Schild wegschubst: „Fass sie nicht an. Das sind Frauen. Das sind Frauen.“
Ich denke an die vertriebenen Menschen. Sie wussten, dass ihr Lager geräumt würde. Manche hatten auch anderen Unterschlupf gefunden. Die noch auf dem Platz waren, wohl nicht. Sie waren hilflos, waren verzweifelt …
Aber ich denke auch an die Polizisten, die plötzlich hilflose Menschen vertreiben müssen. Polizisten, die oft selbst Familie und Kinder haben, stehen schwer bewaffnet Familien und Kindern gegenüber, müssen sie vertreiben. Was geht ihn ihnen in diesem Augenblick vor? Mitleid? Scham?
Ich denke auch an Santa Eulàrias Bürgermeisterin Carmen Sanchez, die selbst zwei Töchter hat und sich immer darum kümmert, dass es den Menschen in der Gemeinde gutgeht. Wie waren ihre Gedanken, als sie diese Räumung, diese Gewalt, diese Verzweiflung miterlebte? Sie wird mitgelitten haben, war hilflos wie alle. Die Gemeinde hatte vorgesorgt, mit Sozialarbeitern, die Menschen betreuten, mit Notunterkünften, die wohl nicht reichten.
Diese Räumung, angeordnet vom Gericht, überreagiert von der Polizei, war furchtbar. Aber das Problem liegt tiefer! Es ist die Folge einer verfehlten Politik. Wie kann es so weit kommen, dass die Menschen, die hier ehrlich arbeiten, unter solchen menschenunwürdigen Umständen leben müssen? Wo sind bezahlbare Wohnungen? Wo wurden sie gebaut? Wo wurde alternativer Wohnraum geschaffen – sei es in Wohn-Containern oder kleinen Häusern, die schnell aufgebaut werden können? Ich sehe da – nichts!
Ich sehe aber Arroganz und das Verschließen der Augen von Politik und Behörden vor diesem Problem. Einem unserer Geschäftspartner, der für seine Angestellten ein Holzhaus auf seinem großen Grundstück – nicht einsehbar – bauen wollten, wurde die Genehmigung verweigert: passt nicht auf die Insel! Und ich erinnere mich, als in Palma die Diskussion war, mit einem Container-Hotel (die haben wirklich hohe Qualität) die Wohnungsnot zu mindern. Da hieß es von der damaligen Balearen-Regierung: „Nein! Wir wollen Häuser im Baustil der Insel, mit den Materialien der Insel!“
In diese Arroganz passt auch die Anordnung, dass Wohnmobile, die letzte Unterkunft-Chance für viele Menschen ohne Wohnung, von Ibiza verbannt werden sollen und Parkplatz-Schranken so gebaut werden, dass kein Wohnmobil mehr durchpasst. Verantwortungsvoll wäre es, Plätze anzulegen, wo Wohnmobile und Zelte mit Strom und vernünftiger sanitärer Versorgung versorgt werden. Das müsste doch bei einer Insel, die Milliarden mit dem Tourismus verdient, ein Klacks sein.
Aber so lange das Elend im Verborgenen stattfand, mit Not-Siedlungen oder Wohnwagen auf Privatgrundstücken, die Vermieter reich machen, störte es kaum den Ruf der weißen Insel. Ibiza, das Paradies, wo Sonne, Strand, Luxus und leichtes, sorgenfreies Leben zu Hause sind – das Image wurde gepflegt. Jetzt wurde es durch die brutale Räumung erheblich angekratzt – auch wenn man Journalisten hinauswarf und an ihrer Arbeit hinderte. Jetzt werden die vertuschten Probleme und das jahrelange Versagen der Politik sichtbar. Und da wird durch die Verzweiflung der vertriebenen Menschen deutlich, was meine Kollegin des „Diario Ibiza“ als Schande bezeichnet.
Hoffen wir, dass die Verantwortlichen endlich wachgerüttelt wurden. Hoffen wir auch, dass die vertriebenen Menschen einen Ort finden, wo sie besser leben können. Aber bei beidem bin ich sehr, sehr skeptisch. Leider…





