Editorial von Dieter Abholte: Wie ich es sehe …

Heute schreibt unser Chefredakteur darüber, dass Ibiza und Formentera keine Orte für Menschen sind, die hier ihr Geld durch große Autos oder große Auftritte vorführen wollen. Hier ist der alte und verbeulte R4 mehr Kult als der 300.000 Euro teure Lamborghini …

Liebe Leser,

Dieter Abholte

falls Sie auf Ibiza oder Formentera sind, hoffe ich, dass Sie die Spuren des roten Regens von Donnerstagnacht beseitigt haben. Ich muss da noch mal ran. Mein Auto sieht noch immer so aus, als hätte es ein Schlammbad genommen. Weil die ganze Insel mit dem Kärcher-Dampfstrahler auf Terrassen, Balkonen und Co. unterwegs war, hatten einige Teile der Insel keinen Wasserdruck mehr. Das ist so auch noch nicht vorgekommen. Zum Glück hat der stramme Wind erst einmal den Saharastaub vom Himmel geblasen – und Regen ist auch nicht in Sicht. Aber das nur am Rande.

Vergangenen Sonntag hatte ich ja über die leicht gestörten Zeitgenossen gemeckert, die hier mit ihren – meist geliehenen – Lamborghinis oder Ferraris nachts durch die Straßen donnern und extrem nerven. Natürlich wollen sie coole Typen sein und hoffen wohl auch, dass ihnen die hübschen Frauen gleich in den 300.000-Euro teuren Sportwagen steigen, sobald sie die Tür öffnen. Ist aber nicht so – vielleicht abgesehen von Ausnahmen in Sant Antoni oder an bei Billig-Touristinnen an der Platja d’en Bossa – obwohl es auch da keinen Billig-Tourismus mehr gibt. Die Insel ist teuer …

Aber zurück zum Thema: Status-Symbole auf Ibiza sind anders. Da macht der verbeulte und lange in die Jahre gekommene R4 oder die Citroën-Ente mehr her als Lamborghini und Co. Selbst beim Rolls-Royce schaut kaum jemand hin. Ich erinnere mich – zugegeben nicht ohne Schadenfreude – an den Puff-Prinzen, korrekt „Marcus Prinz von Anhalt“ – gelernter Metzger und Inhaber von Bordellen und Sex-Clubs in der Gegend von Frankfurt. Den Titel hatte er übrigens dadurch erlangt, dass er sich als Stiefsohn von Frédéric von Anhalt und seiner Frau Zsa Gabor einkaufte – mit dem Geld seiner Bordelle. Aber das nur nebenbei.

Mit gekauftem Titel, goldenem Rolls-Royce und entsprechenden Milieu-Frauen mit aufgespritzten Lippen und Oberweiten vom Chirurgen wollte der Prinz auf Ibiza zur großen Nummer werden. Klappte aber nicht. Niemand interessierte sich für seinen goldenen Rolls und seine Auftritte in teuren Restaurants. Hofiert wurde er auch nicht. Seine Auftritte waren eher peinlich. Schließlich gab „Marcus Prinz von Anhalt“ genervt auf und zog nach Dubai. Da macht sein goldfarbener Rolls-Royce garantiert auch wenig Aufsehen, denn die Scheichs haben davon die Garagen voll, aber dort wird sein Geld wohl mehr geschätzt als auf Ibiza.

Doch zurück zu unseren Inseln. Hier ist es ziemlich egal, welchen Titel und wie viel Geld jemand hat. Hier sitzen in der Strandbar alle zusammen – der Normalverdiener neben dem Milliardär, der Konzern-Inhaber neben einem Angestellten oder Arbeiter. Dann zählt dann nur eins: die Freude hier zu sein und Ibiza oder Formentera zu erleben. Natürlich gibt es die teuren Beachclubs und Restaurants, bei denen jeder fehl am Platz ist, wenn er nicht die 1000 Euro pro Abend ausgibt; es können gern auch 10.000 Euro sein. Aber das ist ein anderes Thema – und oft auch ein anderes Publikum.

Ich habe in einer Tapa-Bar am Nebentisch von Michael Otto gesessen, dem Inhaber des Otto-Versands und diverser anderer Firmen. Ich kenne ihn von einem Interview, das in einer der nächsten Ausgaben von IbizaHEUTE zu lesen sein wird. Er war mit seiner Frau da, ohne Bodyguard, ohne großen Auftritt. Unerkannt, anonym. „Genau das, was ich an Ibiza schätze“, sagt er mir ein paar Tage zuvor beim Interview. Ähnlich war es bei einer der reichsten Familien Deutschlands. Auf dem Parkplatz, ein unscheinbares Auto, im Restaurant warteten sie wie jeder andere Gast, bis ihr Tisch frei war.  Kein Chauffeur, keine Leibwächter, keine Kellner, die um sie herum schwänzelten, weil sie das große Trinkgeld erwarten.

Niemand erkannte sie. Kein Paparazzo wäre je auf die Idee gekommen, dass die Normalos dort Milliardäre sind – und ein Foto von Ihnen das große Geld gebracht hätte. Und beim zufälligen Gespräch, wie das nun mal ist, spricht man nicht über Geld, über Autos, Macht und Konzerne, sondern darüber, wo man den schönsten Sonnenuntergang erbte. Wie schön es im urigen Chiringuito, mit den Füßen im Sand, ist. Und wie toll die Wanderung mit unserm IbizaHEUTE-Wanderführer Josef an der Steilküste in Santa Agnès war. Auf der Insel ist und darf man Mensch sein – ein ganz normaler Mensch unter Menschen, die Ibiza lieben. Und das ist wunderbar …

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, der Strand lockt. Bei mir heute leider vergebens. Ich muss bis zum Abend das Juli-Magazin von IbizaHEUTE für den Drucker fertig machen. Es soll ja pünktlich am 1. Juli am Kiosk sein.

Herzlichst, Ihr Dieter Abholte



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