Liebe Leser,

es ist ein friedlicher Sonntag heute. Am Himmel über Ibiza und Formentera wechseln sich Sonne und Wolken ab, die Temperatur zeigt schon fast 20 Grad, das Meer liegt ruhig und glänzt wie flüssiges Silber. Wie gesagt: ein schöner Sonntag, um die Inseln zu genießen.
Rund 170 Kilometer von uns entfernt um Valencia sieht es ganz anders aus. Da kämpfen die Menschen auch rund zwei Wochen nach der Flutkatastrophe, ausgelöst durch eine Kaltluft-Tropfen (Gota fria oder DANA), mit den Folgen der Überschwemmungen. Anwohner und Freiwillige versuchen, den Schlamm aus den Häusern zu bekommen. Feuerwehrleute suchen in Schlamm und Wasser weiter nach Vermissten – und werden fündig. Die Zahl der mehr als 200 Toten wird weiter ansteigen – genauso wie die Wut der Opfer.
Zehntausende haben schon wenige Tage nach der Flut gegen das verehrende Katastrophen-Management der Regional-Regierung Valencias demonstriert und den Rücktritt des zuständigen Ministerpräsidenten Carlos Mazón gefordert, der der konservativen Volkspartei PP angehört. Und immer mehr Einzelheiten des Versagens oder unfassbaren Verhaltens der Verantwortlichen kommen ans Tageslicht.
Am 29. Oktober, als der Himmel über Valencia seine Schleusen öffnete und die Flut schon die ersten Häuser erreichte, saß der Ministerpräsident in einem Restaurant in Valencia und speiste mit einem bekannten Journalisten – bis 18 Uhr. Als der Krisenstab sich um 17 Uhr traf, war der Ministerpräsident abwesend. Er kam erst zweieinhalb Stunden später – um 19.30 Uhr. Als dann endlich um 20 Uhr über die Handys der Menschen der Warn-Alarm ausgelöst wurde, standen schon Häuser unter Wasser, waren Männer, Frauen und Kinder in überfluteten Häusern, Autos und Tiefgaragen eingeschlossen.
Die Innenministerin der Region, Salomé Pradas, die den Krisenstab leitet, musste zugeben, dass sie bis zur Katastrophe nicht einmal wusste, dass es solch ein Warnsystem über die Handys der Bürger gab. Dass dazu noch der Flusslauf des wichtigen Torrents, der die Wassermassen zum Meer ableiten sollte, nicht frei von Gestrüpp, Müll und Co. war, sei nur am Rande erwähnt. Das scheint auch nicht nur in Valencia so zu sein. Auf Mallorca reinigten nach den Katastrophen-Bildern Freiwillige sofort einen Sturzbach und bargen Mengen an Schrott bis – bis zu illegal entsorgten Küchengeräten …
Nun kann man darüber streiten, ob die Katastrophe weniger Opfer und Schäden gekostet hätte, wenn die Warnung früher gekommen wäre. Hätten sich die Menschen danach gerichtet? Wären sie nicht in ihre Autos gestiegen? Hätten sie ihre Häuser nicht verlassen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß von mir selbst, dass ich leicht sage: So schlimm wird es schon nicht werden …
Das hat sich bei mir nach Valencia doch sehr geändert. Als wir von IbizaHEUTE am vergangenen Dienstag die Wetterwarnstufe ORANGE des spanischen Wetterdienstes herausgegeben haben, dazu noch die Aufforderung der Inselbehörden, am besten das Haus nicht zu verlassen, habe ich meine Termine abgesagt. Es kam zum Glück nicht so heftig, wie befürchtet – und das war für uns alle gut so.
Die Katastrophe von Valencia war wie ein Weckruf für ganz Spanien. Als vor ein paar Tagen der große Regen die Provinz Málaga und auch noch einmal Valencia traf, war das Krisenmanagement ganz anders. Rettungskräfte waren in Alarmbereitschaft, Schulen blieben geschlossen, in gefährdeten Gebieten baute man Sandsack-Sperren – und die Behörden warten schon viele Stunden vorher vor der Gefahr von sintflutartigem Regen. Es kam zu Überschwemmungen, die konnte man nicht verhindern. Aber kein einziges Menschenleben musste beklagt werden.
Die Gefahr des „Gota fria“, des kalten Tropfens, scheint erst einmal vorbei zu sein. Die feuchte, warme Mittelmeerluft hat sich durch den Einbruch kalter Luftschichten abgeregnet. Aber spätestens im kommenden Spätsommer besteht die Gefahr wieder. Hoffentlich vergessen die Behörden bis dahin nicht, was diese Katastrophe gezeigt hat: Die Betten der Sturzbäche müssen gereinigt sein. Die Menschen müssen früh genug mit allen Mitteln gewarnt werden. Und in gefährdeten Gebieten dürfen keine Häuser gebaut werden.
Das wollte übrigens bis vor Valencia die Balearen-Regierung genehmigen – diesen Bau von Gebäuden in gefährdeten Gebieten auf Ibiza und Mallorca. Davon ist sie erst einmal abgerückt …
Ich hoffe, bei meinem nächsten Editorial am kommenden Sonntag habe ich wieder positive Themen für Sie. Aber zum Journalismus, wie ich ihn verstehe, gehört auch die kritische Berichterstattung. Auch dann, wenn die Sonne scheint, das Meer glitzert und das Leben auf Ibiza und Formentera wunderbar ist.





