Editorial von Dieter Abholte: Wie ich es sehe…

Rücksichtslose Urlauber, rücksichtslos Politiker und Ibiza und Formentera, wie sie durch den Tourismus verändert und belastet werden. Das ist das Thema des Editorials unseres Chefredakteurs.

Liebe Leser,

Dieter Abholte

so langsam beginnt die Saison. Das Wetter passt dazu. Der blaue Himmel wölbt sich über Ibiza und Formentera, das Meer glitzert und in der Sonne ist es schon herrlich warm. Über 20 Grad soll es heute werden. Und der böige Nordwind, der gestern noch kalt über Inseln und Meer fegte, wird heute nur ein laues Lüftchen sein. Also, ein Sonntag wie gemalt und ideal, um noch den Strand zu genießen, bevor es voller wird.

Dass die ersten Touristen da sind, spüren besonders die Menschen, die auf der Steilküste gegenüber der Felseninsel Es Vedrà ihre Häuser haben. Da sind wieder die Zufahrten zu ihren Grundstücken zugeparkt, sind die eben erst errichteten Zäune, mit denen das Naturschutzgebiet geschützt werden sollte, teilweise schon niedergetrampelt. Die Anwohner schauen mit Angst der Zeit entgegen, wenn der Run auf die Sonnenuntergänge bei Es Vedrà wieder einsetzt und die Steilküste zur Partymeile wird.

Die Maßnahmen des zuständigen Rathauses Sant Josep, um die Touristenströme von der Steilküste fernzuhalten, wirken eher hilflos. Leitplanken wurden aufgestellt, um das wilde Parken der Hunderten von Autos am Straßenrand zu verhindern. Das war nicht besonders effektiv. Jetzt parken die Es Vedrà-Besucher halt auf der Straße. Die wird dadurch so eng, dass Fußgänger von fahrenden Autos gefährdet sind, dass Rettungswagen und Feuerwehr bei Noteinsätzen kaum noch durchkommen. Gleiches gilt für die jetzt durch Felsbrocken blockierten Parkplätze. Die Anwohner haben kaum eine Chance, aus ihren Häusern zu kommen, weil ihre Einfahrten brutal zugeparkt sind.

Unser Fotograf Rüdiger Eichhorn, der auf Fotoreise auf der Insel unterwegs ist, berichtet: „Ich habe erlebt, wie zwei Leihwagen mit jungen deutschen Touristen kamen, mit ihren Autos die Zufahrt zu einem Haus brutal zu parkten und der eine Fahrer zum anderen sagte: ‚Hier bleiben wir stehen. Wenn keiner mehr rauskommt, ist das kein Problem, in einer Stunde sind wir ja wieder weg. Wollen ja nur eben die Vedrà anschauen.‘ Als die dann wegfuhren, stellten sich die Nächsten mit ihren Autos da rein…“

Wie das Problem gelöst werden könnte? Ich denke, das weiß wohl niemand. Tatsache ist, dass Urlauber immer rücksichtsloser werden und sich nach dem Motto verhalten: „Die Insel gehört uns. Wir haben ja für den Urlaub gezahlt!“ Nein, die Insel gehört nicht den Urlaubern. Sie gehört den Menschen, die hier leben und die verlangen können, dass ihr Eigentum respektiert wird. Aber diese Zeiten scheinen vorbei zu sein.

Ähnliches berichtet uns auch der Chef eines Tapa-Restaurants im Hafenviertel. Seine Erfahrung: „Viele sind aggressiver geworden. Die drängen sich vor oder wollen den Tisch belegen, auf den andere Gäste schon länger warten und für sie reserviert ist. Wenn unsere Kellner dann bitten, den Tisch zu verlassen, gibt es zumindest dumme Sprüche. Oder den Satz: ‚Na und, jetzt sitzen wir hier!‘ Natürlich gibt es auch noch nette Gäste. Aber aggressiv sind meist die, die im Reiseführer gelesen haben, dass wir ein traditionelles Tapa-Restaurant sind. Das wollen Sie auf ihrer Urlaubs-Liste abhaken – und das sofort…“

Das ist natürlich kein Phänomen, das nur für Ibiza gilt. Wenn ich mit Kollegen auf Mallorca spreche, höre ich immer: „Ihr auf eurem kleinen Ibiza seid da gut dran. Komm mal in der Saison rüber zu uns, dann erlebst du, was rücksichtsloser Massen-Tourismus ist – und das gilt nicht nur für den Ballermann…“

Die Welt hat sich verändert, sie ist rücksichtsloser geworden, brutaler, egoistischer. Vorgelebt von Politikern wie Trump in den USA, der beim Golfen mal eben beschließt – wahrscheinlich nach einem misslungenen Schlag – wie er die Welt ins Chaos stürzt. Oder Putin in Russland, der mit seinen Raketen und Drohnen auch nicht davor zurückschreckt, Frauen und Kinder zu töten. Oder Erdoğan in der Türkei, der mal eben über seine Freunde in Gerichtsroben einen politischen Konkurrenten ins Gefängnis schickt.

Doch zurück nach Ibiza und Formentera. Es gibt trotz Massen-Tourismus mit Urlaubern, die sich schlecht benehmen, noch genug Orte und Plätze, die genau diese Touristen nicht kennen und nicht erreichen. Weil sie eben in keinem Reiseführer stehen! Weil man sie als Lieblingsadressen nur guten Freunden verrät! Oder weil man sie entdeckt hat und wie einen Schatz hütet! Dies ist meine Art, Neues zu entdecken. Ich fahre über die Insel, vermeide die Tourismus-Zentren und gehe auf Entdeckungsreise – das gilt für die kleinen Orte, gilt auch für die Strände. Dort, wo eigentlich nur Spanier sind, da bin ich meistens richtig. Versuchen Sie es auch mal. Sie werden Ibiza und Formentera ein Stück neu entdecken – das wahre Ibiza und Formentera.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag und einen guten Start in die Woche. Und hoffe, dass sich die sich besinnen, die unsere Welt in Chaos und Elend stürzen wollen. Ich weiß, es ist ein froher Wunsch. Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und denken Sie daran, wir leben inmitten einer chaotischen Welt auf Ibiza und Formentera noch immer in einem Stück Paradies. Hier ist die Welt – trotz Massen-Tourismus – anders, sie ist schöner, lebenswerter, liebenswerter. Dafür sage ich: Danke! Ich denke, viele von Ihnen auch…

Herzlichst Ihr, Dieter Abholte



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