Der Chefredakteur von IbizaHEUTE schreibt über gute Vorsätze fürs neue Jahr – und fragt, wie de Insel-Politik ihre guten Vorsätze verwirklichen will. Daran hat er große Zweifel…
Liebe Leser,

sind auch Sie mit guten Vorsätzen ins neue Jahr gestartet? Ich auch! Mal einen Monat Alkohol-Pause! Mindestens 10.000 Schritte pro Tag sollen auf meinem Schrittmesser angezeigt werden! Und natürlich soll mein Schreibtisch 2025 aufgeräumter sein…
Ich weiß schon jetzt, dass meine guten Vorsätze in ein paar Tagen nicht mehr existieren. Der erste wird schon heute gebrochen. Ich treffe einen guten Freund zum Abendessen – und dazu gehört auf jeden Fall das Glas Wein. Da möchte ich nicht gegen Traditionen verstoßen. Und mit den 10.000 Schritten klappt auch nicht, nach 5000 sage ich mir: Das reicht für heute, dafür mache ich morgen mehr – mache ich natürlich nicht. Und auf meinem Schreibtisch stapeln sich jetzt, gerade mal fünf Tage nach meinem guten Vorsatz, schon wieder Unterlagen, Fotos und Pressemeldungen. Wird also nicht viel, mit meinen guten Vorsätzen. Wie sieht es bei Ihnen aus? Und wie bei der Insel-Politik.
Da gab es ja auch große Versprechungen für das neue Jahr von Inselrats-Präsident bis zu den Bürgermeistern. Weniger Massen-Tourismus sollte es geben. Mehr Schutz von Natur und Ressourcen. Die fatale Lage auf dem Wohnungsmarkt sollte ebenfalls bekämpft werden, genauso wie die Wasserknappheit.
Gute Vorsätze. Aber sind sie zu verwirklichen? Will man überhaupt, dass sie verwirklicht werden? Da habe ich in großen Teilen meine Zweifel. Nicht zuletzt angesichts der Meldungen er großen Reiseveranstalter. Sie verkünden stolz für Mallorca: Doppelt so viele Frühbuchungen für die neue Saison 2025 wie im vergangenen Jahr.
Darüber freuen sich garantiert nicht nur die Tourismus-Unternehmen sondern auch so mancher Politiker. Denn auf Ibiza, Formentera, Mallorca und Menorca bedeutet jeder Tourist bares Geld. Die Balearen leben vom Tourismus, je mehr kommen, um so reicher werden die, denen der Tourismus volle Kassen bringt: Hotels, Restaurants, Leihwagenfirmen, Taxifahrer – bis hin zum Vermieter der Strandliegen. Und fast jeder Politiker oder seine Familie ist an diesem Geschäft beteiligt. Die meisten Politiker Ibizas kommen aus alteingesessenen Familien, und denen gehören nun mal Hotels, Leihwagenfirmen, Taxiunternehmen und auch Restaurants.
Ähnlich sieht es beim Schutz der Natur aus. Das würde auch bedeuten, dass die Zahl der Neubauten eingeschränkt würde, um weniger Menschen auf die Insel zu locken. Ich sehe aber so viele Baukräne wie noch nie. Dazu wird, wie bei der Riesenbaustelle des Hotels „Stella Maris“ bei Sant Antoni eine ganze Landschaft platt gemacht, um 14 neue Luxus-Villen zu bauen. Ich denke, sie ahnen es, auch viele Bau-Unternehmen haben beste Kontakte zu der Politik. Auch wenn ein Politiker nicht Chef einer Baufirma ist, einer aus der Familie oder dem Freundeskreis ist es bestimmt…
Wie sieht es beim horrenden Wasserverbrauch auf Ibiza auf, wo die Reserven durch die Regenfälle von Herbst und Winter eigentlich zu 100 Prozent gefüllt sein sollten? Sind sie aber nicht. Die Reserven liegen etwas über 30 Prozent. Und es abzusehen, dass wir im Sommer mit Wasserknappheit zu kämpfen haben, dass immer mehr Pinien vertrocknen und die Landwirte über Ausfälle der Ernte von Oliven und Co. klagen, weil das Wasser nicht reicht. Es reicht aber offensichtlich, um die Rasenflächen, Gartenanlagen und Pools der reichlich vorhandenen Fünf-Sterne-Hotels mit Wasser zu versorgen. Der Tourismus hat auch hier Vorrang vor dem Schutz der Natur. Und Bestimmungen für die Hotels, wassersparende Gärten und kleinere Pools anzulegen, gibt es nicht.
Ich könnte die Liste weiter fortführen, von den Tausenden Leihwagen bis zum Kampf gegen die Wohnungsnot. Mein Kollege Reinhard Adel hat heute hier auf IbizaHEUTE-Online geschrieben, dass es Millionenstrafen für illegale Ferienvermietung gibt. Aber dabei handelt es sich lediglich um vier Fälle! Doch Tausende Wohnungen werden im Sommer illegal vermietet, während Menschen in Wohnwagen, Zelten und selbst zusammengebauten Hütten hausen, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden. Da würde sich die massive Aufstockung der Kontrolleure lohnen und auch Geld durch hohe Strafen in die Kassen bringen.
Man darf gespannt sein, wie viele der Versprechen der Politik auf Ibiza und Formentera im neuen Jahr eingehalten werden. Ich befürchte, es wird bei den Vorsätzen und Versprechungen bleiben – und meist so weiterlaufen wie 2024. Mit Massen-Tourismus, mit Wasserknappheit, Tausenden Leihwagen auf den Straßen, vollen Gassen der Altstadt, wenn die Kreuzfahrt-Giganten bis zu 10.000 Menschen an Land spülen.
Es macht mir Sorgen, ärgert mich, macht mich sogar wütend. Aber trotzdem bleiben Ibiza und Formentera meine Inseln. Wenn ich von Freunden höre, wie der Massen-Tourismus in Kroatien, in Griechenland und in Städten wie Rom, Neapel oder Venedig zuschlägt, dann haben wir auf unseren Inseln fast noch Glück gehabt. Ich kann mich selbst in der Hochsaison in mein Auto setzen und losfahren. Nach spätestens zehn Minuten Fahrtzeit liegt der Massen-Tourismus hinter mir, und ich bin wirklich in der Natur und in meinem alten Ibiza. Ich hoffe, Ihnen geht es ähnlich.
Ich wünsche Ihnen ein gutes 2025 und viele schöne und glückliche Stunden. Und vergessen wir nicht, wenn wir sehen, was in der Welt um uns los ist, sind Ibiza und Formentera noch Orte des Friedens und ein Stück Paradies. Besonders jetzt im Winter, wo die Insel (fast) nur denen gehört, die hier leben oder Urlaub machen.





