Im „Estanco San Juan“ im Norden Ibizas stellt Vicente Torres Comar seinen Kräuterlikör nach altem Familienrezept her. Wer vorbeischaut, darf probieren – und entdeckt ein Stück Inselgeschichte.
Text und Fotos: Thomas Hofmann
Schmal wie eine Garage, zwei Tische mit Hockern vor der braunen Holztür: Der „Estanco San Juan“ in Sant Joan wirkt unscheinbar. Doch zwischen Zigaretten und Feuerzeugen stehen Flaschen mit einer besonderen Geschichte: „Herbes Can Vidal“, der hausgemachte Kräuterlikör von Vicente Torres Comar.
1881 übernahm sein Großonkel das Haus, damals Taverne und Dorfbar. 1928 erbte es Vicentes Großvater. Zum Essen kamen Arbeiter, Rathausmitarbeiter und die Guardia Civil. Nach dem Kaninchen in Tomatensoße gehörte ein Glas selbst gemachter Herbes dazu.
Das Rezept wird bis heute in der Familie bewahrt. Bei Renovierungsarbeiten entdeckte Vicente in einem alten Eckschrank Urkunden, Fotos und das Rezept seines Großvaters. Auch ein Jugendbild seiner Großmutter kam zum Vorschein. Heute schmückt es das nostalgische Flaschenetikett – als Hommage an sie und die Frauen, die früher auf den Feldern arbeiteten.

Und das kommt in den Herbes
„Man braucht nicht viele Zutaten – man braucht aber die richtigen“, sagt Vicente. Die Kräuter wachsen im eigenen Garten oder rund um Sant Joan. Er verzichtet auf Pestizide und verarbeitet alles sorgfältig von Hand. Anschließend ziehen die Kräuter mindestens sechs Monate, oft bis zu einem Jahr, im Alkohol.
Rund 7000 Liter entstehen jährlich in der Werkstatt hinter dem Laden. Die Nachfrage ist groß, doch Vicente will nur so weit wachsen, wie er die Qualität selbst gewährleisten kann.
Besucher empfängt er gerne, erzählt die Familiengeschichte und lädt zur Verkostung ein. Besonders schön ist es sonntags, wenn auf dem Dorfplatz der Kunsthandwerkermarkt stattfindet. Dann hat auch der kleine Laden geöffnet – und auf den Hockern vor der Tür schmeckt ein Glas Herbes besonders gut





