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Ibiza-Stadt

Exklusives Interview

Muriel Grossmann – ihre Musik und ihr Ibiza

Unser Musikexperte Thomas Hofmann im Gespräch mit der auf Ibiza lebenden und international gefeierten Saxophonisten.

An einem windigen Novembernachmittag treffe ich Muriel Grossmann an den Felsen nahe des Niu Blau Strands, einem ihrer Lieblings- und Rückzugsorte auf Ibiza. Zwischen Sonnenlicht, Wellen und dem rauen Rhythmus des Meeres erzählt sie von ihrem neuen Album „Breakthrough“, von kreativen Prozessen, Jazz auf Ibiza und der besonderen Rolle, die die Insel in ihrer musikalischen Entwicklung spielt.

„Ich wusste sofort: Hier könnte ich leben.“

Du hast viele Jahre in Paris gelebt, einer echten Jazzmetropole. Was hat dich damals nach Ibiza geführt – eine Insel, die man ja eher mit elektronischer Musik verbindet? Und was hat dich überzeugt, hier zu bleiben?

Ich wurde in Paris als Kind österreichischer Eltern geboren. Wir haben dort vier Jahre gelebt, bevor wir nach Österreich gezogen sind, aber ich bin bis etwa zu meinem zwanzigsten Lebensjahr regelmäßig nach Paris zurückgekehrt. Meine Eltern haben das Reisen geliebt – vor allem nach Spanien, Italien und Frankreich – und so habe ich diese Länder auf unseren vielen Autoreisen ziemlich gut kennengelernt.

Ich hatte immer das Gefühl, dass mein eigentliches Zuhause in der Nähe des Meeres sein sollte. Als ich 2002 zum ersten Mal nach Ibiza kam, war mir ehrlich gesagt nicht bewusst, dass Ibiza wegen der elektronischen Musik bekannt war. 2003 kam ich dann das erste Mal, um eine Saison im Teatro Pereira zu spielen. Tagsüber besuchte ich verschiedene Orte auf Ibiza, ich lernte viele Musiker kennen, spielte unzählige Konzerte und Jam-Sessions, und ich erlebte den weltumspannenden Geist der Menschen hier und die überwältigende Schönheit Ibizas. Da dachte ich mir: „Hier könnte ich leben.“

In diesem Moment habe ich beschlossen zu bleiben. Ich stellte meine Jazzband zusammen und begann, in all den Clubs, Restaurants und Hotels zu spielen. Das alles hat sich entwickelt, und ich tue das bis heute, mit ungefähr 150 Gigs im Jahr. Es ist großartig, dass ich Straight-Ahead-Jazz spielen und die Dinge machen kann, die ich machen will. Eine dieser Sachen ist, meine eigene Musik zu komponieren – und das tat ich neben den Konzerten mit meiner Straight-Ahead-Jazzband und somit habe ich begonnen, mit meiner Studioband Platten aufzunehmen, intensiv über die Jahre und nach und nach haben wir dann auch Konzerte gegeben und Touren außerhalb der Insel gespielt.

Foto: Thomas Hofmann

Dein neues Album „Breakthrough“ ist gerade erschienen. Wie würdest du den Sound und die Stimmung dieser neuen Aufnahmen beschreiben?

Ich würde sagen, auf dieser Platte ist eine Menge gute Musik – eingängige Melodien, ein großartiger Groove und insgesamt eine sehr positive Energie. Sobald man sie auflegt, wird man sofort in die Musik hineingezogen; oder eingehüllt wie in Wärme. Die Stimmung ist freudvoll und gleichzeitig intensiv, reich an emotionaler Tiefe.

Wir hatten viel Spaß bei der Entstehung dieses Albums, es ist ganz natürlich nach ”The Light of a Mind” entstanden – es ist alles Teil desselben Konzepts, das ich erforschen wollte, im Grunde ist es der zweite Teil einer Trilogie.

Die Band spielt hervorragend zusammen. Ich nehme seit vielen Jahren mit derselben Gruppe auf und gehe auch mit ihr auf Tour. Mit Radomir Milojkovic an der Gitarre experimentiere ich seit über dreiundzwanzig Jahren, und mit Uros Stamenkovic am Schlagzeug arbeite ich seit mehr als zehn Jahren. Es ist nur logisch, dass eine ständige Weiterentwicklung stattfindet. Ich habe das Gefühl, dass sich mit diesen letzten beiden Alben der Sound der Band verändert hat, dass wir in eine Art Übergang eingetreten sind – nicht nur, weil ich neue Klänge wie den Moog-Synth oder das Fender-Rhodes-Keyboard integriert habe. Ich weiß nicht, wohin diese Reise der Erforschung führen wird, aber ich werde weitergehen.

Ich wünsche mir, dass die Hörer dieselbe Freude spüren, die wir beim Spielen hatten.

Wie unterscheidet sich „Breakthrough“ musikalisch von deinen bisherigen Veröffentlichungen? Wie würdest du deinen Stil selbst beschreiben – und gibt es für dich in dieser Musik noch Raum für Experimente und Innovation?

Man ist, wer man ist, man spielt, was man spielt, und wenn man hart arbeitet, übt, neue Dinge lernt und die Ohren offen hält, dann gibt es, glaube ich, immer Raum für Experimente und Innovation – unabhängig vom gewählten Rahmen. Die Musik, die ich spiele, ist sehr flexibel, mit viel Platz, um neue Elemente einzubringen, und genau das habe ich mit jeder neuen Veröffentlichung über die Jahre gemacht.

“Breakthrough” ist im Grunde eine natürliche Fortsetzung meiner bisherigen Alben. In den letzten 23 Jahren habe ich Post-Bop, Avantgarde, Spiritual Jazz, Folklore aus verschiedenen Teilen der Welt, Soul Jazz, Funk, Straight-Ahead-Jazz und mehr erforscht. Ich denke, man kann Elemente all dieser Genres auf diesem Album hören – vorausgesetzt, man ist mit ihnen vertraut. Es gibt auch eine starke Präsenz von Soul Jazz und Straight-Ahead-Jazz, den ich diese Genren im Laufe des Jahres sehr häufig live spiele.

Je tiefer und länger man experimentiert, desto mehr scheint sich der musikalische Boden zu weiten. Jede neue Platte ist ein Zeugnis dafür, wo ich mich musikalisch zu diesem Zeitpunkt befand. Letztendlich hängt viel vom Hörer ab – wie viel Zeit er dem Hören widmet, mit wie viel Begeisterung er an die Musik herantritt.
Das Schöne an Musik ist, dass sie wie eine leere Leinwand ist – der Hörer kann sie mit seiner eigenen Vorstellungskraft färben.

Es gibt außerdem noch ein weiteres neues Album, das ich Ende Dezember auf meinem eigenen Label DreamlandRecords mit derselben Band herausbringe: “Muriel Grossmann – Plays the Music of McCoy Tyner and Grateful Dead”. Dieses Album eröffnet eine neue Veröffentlichungsreihe, in der Musik vorgestellt wird, die mich geprägt hat. Dieses Album ebenso wie Breakthrough kann man über meine Bandcamp-Seite erwerben.

Die Hammond-Orgel spielt in deiner Musik eine große Rolle und prägt den charakteristischen Sound deiner Band. Was fasziniert dich an diesem Instrument, und wie wirkt es im Zusammenspiel mit deinem Saxofon?

Oh ja, ich bin ein großer Fan der Hammond B3 orgel. Ich wollte diesen Klang schon immer erforschen, ihn in meine Musik integrieren und das Instrument über seine historischen und traditionellen Verwendungen hinaus vor neue Herausforderungen stellen. Historisch wurde es hauptsächlich für Straight-Ahead-Jazz mit einer guten Portion Blues, Gospel und Soul eingesetzt. Gruppen mit „Boss“ im Namen, zum Beispiel Boss Tenor oder Boss Guitar, haben oft mit Hammond gespielt, und das Instrument war beim Publikum sehr beliebt – unter anderem dank Musikern wie Eddie „Lockjaw“ Davis, Jimmy Smith, Wes Montgomery, Illinois Jacquet und vielen anderen B3-Spielern wie Jimmy McGriff, Jack McDuff oder Richard „Groove“ Holmes, um nur ein paar zu nennen.

Die Hammond B3 ist ein majestätisches Instrument mit einer fast orchestralen Qualität – man kann alle Obertöne eines Klangs formen und so viel erschaffen, von einer pfeifenden Flöte bis zum Horn eines Güterzugs. Sie hat wirklich alles.

Die Kombination aus Saxophon, Gitarre, B3 und Schlagzeug ist im Grunde eine himmlische Fügung und erzeugt sehr soulige, swingende Musik. Genau diese Besetzung wollte ich für die Musik, die ich komponierte. Meine aktuelle Working Band mit Abel Boquera an der Hammond B3 verkörpert das – er ist ein echter Meister auf dem Instrument, pures Feuer.

Das Muriel Grossmann Quartett: Von links nach rechts: Abel Boquera, Muriel Grossmann, Uros Stamenkovic, Radomir Milojkovic. Foto: Muriel Grossman

Und das Saxophon passt perfekt zur Hammond – in diesem Sound steckt eine unglaubliche Kraft. Ich bin aber auch von der Kombination Hammond–Gitarre fasziniert; sie verleiht der Band ein gewisses Stadionrock-Potenzial.

Das Album wurde auf Ibiza aufgenommen. Wie hat die Atmosphäre der Insel den kreativen Prozess beeinflusst?

Ich habe die Stücke im letzten Winter komponiert. Die Winter hier sind ruhiger – die perfekte Bedingung zum Komponieren. In dieser Zeit spielen wir nicht täglich Konzerte, und so gibt es viel Ruhe, und Ideen können sich auf natürliche Weise entwickeln, in ihrem eigenen Tempo und zu ihren eigenen Bedingungen. Jedes Album und jedes Stück, das ich schreibe, wächst auf seine Weise, und genau diese Art von Raum bietet Ibiza.

Dann kommt der Sommer, und ich habe das Glück, seit elf Jahren eine Sommer-Residenz mit meinem Quartett zu spielen, in der wir sieben Tage die Woche Konzerte geben. Drei der vier Musiker wohnen bei mir zu Hause – wir wachen auf, proben, ruhen uns aus und gehen dann spielen – über einen Zeitraum von vier bis fünf Monaten. Das ist die perfekte Situation, um herauszufinden, wie wir die eigenen Stücke spielen müssen, damit der Bandsound bestmöglich zur Geltung kommt.

Am Ende des Sommers nehmen wir dann auf. Breakthrough wurde von Louis Henry Sarmiento II vom Sonic Vista Studio auf Ibiza aufgenommen. Henry hat eine große Studio Erfahrung. Danach wählen wir die besten Takes aus und gehen in den Prozess des Mixens und Masterings. Schließlich wählen wir das passende Cover. Etwa im Oktober erscheint das Album dann mit allem, was zu einer Veröffentlichung dazugehört. Diesem Rhythmus folge ich jetzt seit über zwanzig Alben – und es werden noch mehr werden. Ibiza ist dafür der perfekte Ort.

Wie wichtig ist Ibiza für dich ganz generell als Ort der Inspiration – sowohl für deine Musik als auch für dein persönliches Wohlbefinden?

Ibiza ist einfach ein Ort, an dem ich mich wohlfühle – an dem ich mich zu Hause fühle. Die Insel beeinflusst den kreativen Prozess immer auf positive Weise. Sie hilft mir, den Geist im richtigen Zustand zu halten. Musik und persönliches Wohlbefinden gehen Hand in Hand – das eine braucht das andere, damit alles reibungslos funktioniert.

Da wir das Glück haben, den Großteil des Jahres im Freien zu leben, bietet die Natur eine tiefgreifende, zugleich ganz einfache Möglichkeit, das Leben auf natürliche Weise entfalten zu lassen – und meine Kompositionen entfalten sich auf dieselbe Weise ganz natürlich. Alles scheint hier im Fluss zu sein.

Foto: Thomas Hofmann

Von wem stammt das Artwork, und hattest du Einfluss auf das visuelle Konzept?

Ich beteilige mich gern am kreativen Prozess der Covergestaltung – es ist ein visueller Ausdruck der Musik, die auf der Platte ist. Ich habe zudem mein eigenes Label, DreamlandRecords, auf dem ich seit 2007 veröffentliche. Für mein eigenes Label verwende ich meist Gemälde für die Frontcover. Deshalb beginne ich in der Regel damit, das passende Bild für das CD-Cover zu suchen. Ich habe viele Bilder zu Hause, weil in meiner Familie eigentlich alle malen – sogar die Musiker und ihre Kinder.

Diesmal stammt das Artwork von Vuksan, dem Sohn unseres Schlagzeugers Uros. Er ist jetzt elf Jahre alt und ist praktisch auf Ibiza aufgewachsen – Uros kommt seit elf Jahren jeden Sommer hierher. Vuksan liebt das Malen, und ich habe ihn über die Jahre dabei beobachtet, wie er sich entwickelt. Er zeigte mir ein Bild von sich selbst im Wasser, und ich bat ihn, das Wasser zu malen. Ich freue mich sehr, dass wir diesmal eines seiner Bilder als Cover verwenden konnten.

Beim Vinyl, befindet sich die Malerei in der Regel auf der Rückseite, während auf der Vorderseite ein ausdrucksstarkes Foto von mir zu sehen ist – so sind CD- und Vinyl-Artwork immer miteinander verbunden.

CD-Cover vom neuen Album „Breakthrough

Wo kann man dein neues Album „Breakthrough“ erwerben oder anhören – gibt es eine bevorzugte Plattform (oder vielleicht sogar eine Vinyl-Edition)?

Alle meine Platten erscheinen grundsätzlich auf Vinyl, außer vielleicht ein paar frühen Aufnahmen – aber ich bin sicher, dass auch die noch als Vinyl veröffentlicht werden. Ich habe mit mehreren Labels zusammengearbeitet – Jazzman Records aus England, Third Man Records aus Nashville, Passerine Records aus den USA, HHV und Powerhouse Records in Deutschland und RR Gems Records aus Estland, die die meisten meiner Alben auf Vinyl herausbringen.

Alle Mitglieder der Band sind in gewissem Maß Vinyl-Sammler – oder kommen aus Vinyl-Sammler-Familien. Es ist einfach das beste Medium für Musik, dem Live-Erlebnis am nächsten. Für mich hat Musik auf Vinyl immer am besten geklungen – das ist schwer zu erklären, ohne zu technisch zu werden, aber ich hatte immer das Gefühl, dass meine Musik das braucht, und zum Glück war ich damit nicht allein. Und ein Vinyl-Cover ist wie ein visuelles Kunststatement – eine Erweiterung der Musik in die Welt der angewandten Kunst hinein.

Es gibt eine große Community von Vinyl-Liebhabern in der Welt, und es scheint sie stehen auf meine Alben. Neben Vinyl findet man meine Musik auch auf CDs und auf Streaming-Plattformen. Für mich als Künstlerin ist Bandcamp die beste Plattform. Dort kann ich direkt mit meinen Fans in Kontakt treten. Bandcamp ist sehr musikerfreundlich.
Um das mal in Perspektive zu setzen: Um mit Streaming so viel zu verdienen wie mit dem Verkauf eines physischen Albums über Bandcamp, bräuchte ich ungefähr 4.000 Streams eines einzelnen Songs oder rund 1.100 Hörer, die mein letztes Album einmal komplett durchhören! Das ist die Realität des Streamings.

Ich liebe Bandcamp auch wegen des direkten Kontakts zu den Hörern – ich bekomme oft persönliche Nachrichten, auf die ich antworten kann, und ich kann handschriftliche Notizen in die Merch-Pakete legen, die ich verschicke. Das ist eine durch und durch freudvolle Verbindung!

Es gibt außerdem viele unabhängige Radiostationen und Podcasts, die man auf Plattformen wie Twitch oder YouTube finden kann – eine weitere großartige Möglichkeit, Musik zu entdecken.

Vinyl-Cover vom neuen Album „Breakthrough“

Beim diesjährigen Jazz Point Ibiza Festival hast du mit deinem Quartett und der Ibiza Big Band gespielt. Wie war es, auf der Insel vor heimischem Publikum aufzutretenund speziell in dieser Formation?

Es war ein großartiger Musikabend.

Für dieses Konzert habe ich sogar eine Hammond B3 von Mallorca nach Ibiza bringen lassen. Es war wirklich ein Anlass, den ich gerne wiederholen würde. Ursprünglich hätten wir im Teatro Ibiza spielen sollen – einem einzigartigen Musikclub – aber leider kam es zwei Wochen vorher zu einer Überschwemmung, sodass das unmöglich wurde, und wir mussten in letzter Minute einen anderen Veranstaltungsort finden.

Das Hotel The Standard, das schon die Eröffnungsnacht des Festivals beherbergt, hat uns freundlicherweise seinen Raum angeboten. Die Bühne dort ist ein kleines Oval, und es war unglaublich, wie wir alle darauf Platz gefunden haben.

Das Muriel Grossmann Quartett beim Jazz Point Festival im Hotel Standard Ibiza. Foto: Thomas Hofmann

Zuerst sind wir als Quartett aufgetreten, und im zweiten Set haben wir dann mit der Big Band gespielt. Vincent Tur hat die ganze Musik arrangiert. Er spielte auch Posaune und ist der Leiter und Dirigent der Big Band de Ciutat d’Eivissa. Ich war selbst von 2016 bis 2024 Mitglied dieser Big Band. Vincent kam mit der Idee auf mich zu, meine Kompositionen zu arrangieren. Ich war sehr froh, dass er das machen wollte, und eins ergab das andere, bis wir schließlich dieses Konzert spielten. Es war großartig! Zum Schluss erreichte alles einen Höhepunkt, als die anderen Musiker, die beim Ibiza Jazz Point aufgetreten waren, noch dazukamen, und wir ein großes Finale spielten.

Der Sound war beeindruckend, der Ort war voll, und das Publikum schien genauso begeistert zu sein wie ich. Ich hatte einen riesen Spass – etwas, an das man sich erinnert!

Das Festival bringt internationale Größen – etwa aus New York – mit lokalen Musikerinnen und Musikern zusammen. Wie hast du diesen Austausch erlebt, und was bedeutet das Festival deiner Meinung nach für die Entwicklung der Jazzszene auf Ibiza?

Es bedeutet sehr viel.

Ich freue mich, Teil der Organisation von Jazz Point Ibiza zu sein. Einer der Organisatoren ist Joel Chris, ein ehemaliger Booking-Agent aus New York. Über mehr als 30 Jahre hinweg hat er mit Künstlern wie Illinois Jacquet, Pharoah Sanders, Jimmy Smith und vielen, vielen anderen gearbeitet. Jetzt, im Ruhestand und aus Liebe zur Insel, bringt er Musiker – darunter tourende Künstler aus den USA – für das Festival nach Ibiza. Dieses Jahr war der Austausch besonders lebhaft.

Wir organisieren Jazz Point jetzt seit sechs Jahren, und ich kann beobachten, wie sich Verbindungen bilden und auf verschiedene Weise weiterentwickeln. Einige der Talente, die wir hier auf Ibiza haben, hatten die Möglichkeit, mit Weltklassemusikern zu spielen und von ihnen zu lernen – über Musik, Instrument, Bühnenpräsenz und vieles mehr.

Nimm zum Beispiel Andrés Coll, das große Marimbatalent der Insel. Beim ersten Jazz Point hat er an einem Workshop mit Joel Ross teilgenommen, dem brillanten Vibraphonisten aus den USA. Bei der fünften und sechsten Ausgabe eröffnete Andrés bereits das Festival und hatte gemeinsam mit anderen internationalen Künstlern auf dem Festland gespielt. Und es gibt viele weitere inspirierende Beispiele wie seines – Jazz Point baut wirklich Brücken.

Auf Ibiza gibt es inzwischen zwei wichtige Jazzveranstaltungen – das städtische Eivissa Jazz Festival und das Jazz Point Ibiza Festival, an dessen Organisation du ja selbst beteiligt bist. Wie unterscheiden sich diese beiden Formate, und siehst du sie als Konkurrenz oder eher als gegenseitige Ergänzung?

Sie ergänzen sich sehr gut. Wir können froh sein, dass es mehr von diesen Ereignissen gibt. Sie sind unterschiedlich im Format. Beim Ibiza Jazz Festival geht es mehr um Bands, Projekte, und beim Jazz Point Ibiza geht es mehr um die Interaktion zwischen verschiedenen Arten von Musikerinnen und den Austausch mit den lokalen Künstlerinnen.
Ich bin froh, dass wir alle für die gleiche Sache arbeiten. Die Conselleria, das Ayuntamiento, das Patronat, die Big Band, die verschiedenen Veranstaltungsorte, die Ibiza Music Agency – alle sind dem Jazz und der Live-Musik gewidmet, und wir tun, was wir können, damit es weiter wächst.

Wettbewerb sollte man in allen Lebensbereichen beiseite lassen. Die einzige Konkurrenz, die gesund ist, ist die mit sich selbst – um zu einer besseren Version von dem zu werden, was man ist. Ich bin froh, dass alle der gleichen Sache gewidmet und gleichermaßen engagiert sind. Jede Person bringt andere Erfahrungen mit, so dass wir alle voneinander lernen können.

Wo kann man deiner Meinung nach Jazz auf Ibiza heute am besten erleben? Und gibt es auch einen Austausch oder eine Zusammenarbeit zwischen den Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern auf Ibiza und Formentera?

Die Jazzszene auf Ibiza ist wie überall sonst auch, eine kleine Community – wir sind nur eine Handvoll Musiker*innen. Abgesehen von diesen zwei Festivals gibt es nur wenige Orte, die Jazzbands auf Ibiza regelmäßig programmieren, das wären das Teatro Ibiza (musste mittlerweile leider schliessen, wie wir berichteten), JazzTaBé, der Mercadillo de Sant Joan oder die Dorffeste, die Konzerte der Big Band von Eivissa. Das Patronat organisiert im Laufe des Jahres einige Masterclasses, besonders um die Festivalzeit herum, und dann gibt es noch die Musikschulen wie die von Nacho Marí. Weiters gibt es die größeren Bühnen wie das Theater Can Ventosa oder andere Theater in den verschiedenen Gemeinden. Und dann hast du die sehr aktive Gemeinde Sant Josep, die sogar eine eigene Webseite nur für ihre musikalischen Veranstaltungen hat.

Großartige Orte in Sant Josep sind zum Beispiel die emblematische Can Jordi Blues Station oder das Auditorium Caló de s’Oli.

Wir reisen auch nach Formentera, Mallorca und Menorca. Es gibt die Fira B auf Mallorca, und Musiker*innen von Formentera und Mallorca kommen oft nach Ibiza, um hier zu spielen. Da gibt es einen lebendigen Austausch.

Ibiza wird meist mit elektronischer Musik assoziiert. Wie würdest du die Jazzszene der Insel insgesamt beschreiben – und wie hat sie sich in den letzten Jahren entwickelt?

Sie hat sich ziemlich stark entwickelt, seitdem ich zum ersten Mal hierher kam. Es gibt immer mehr Musiker*innen, die wirklich zu dem stehen, was sie tun, und das ist großartig.

Der weltweit bekannte und in der internationalen Jazzszene sehr geschätzte BBC-Moderator, Jazz-Kurator und DJ Gilles Peterson hat dich in seinen Sendungen auf Radio BBC 6 vorgestellt und deine Musik weltweit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Wie kam dieser Kontakt zustande – und was hat das für deine internationale Karriere bedeutet oder bedeutet es aktuell?

Das war 2018, als meine erste Vinyl für RR Gems Records herauskam, eine Platte namens „Golden Rule“. Gilles hat sie gehört, und seitdem sind wir regelmäßig Teil seiner Sendungen, und er lädt uns auch zu Konzerten in Europa ein. „Golden Rule“ lief sehr gut, es war Platte des Jahres und all das. Auf dieser Welle haben wir dann „Reverence“ gemacht, die Gilles in seine Worldwide Jazz Awards aufgenommen hat, und er hat uns eingeladen, beim „We Out Here“ Festival in der Nähe von London zu spielen. Leider ist dieses Konzert wegen COVID ausgefallen, und nach dem Brexit ist der Austausch mit Großbritannien komplizierter geworden.

Ein sehr aktiver und treuer Unterstützer unserer Musik.

BBC-Moderator, Jazz-Kurator und DJ Gilles Peterson. Foto: BBC

Mit deinem Album „Devotion“ hast du zudem auf Jack Whites (The White Stripes) Label Third Man Records veröffentlicht – ein außergewöhnlicher Schritt für eine Jazzmusikerin. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande, und welche Bedeutung hatte sie für deine künstlerische Ausrichtung und internationale Präsenz?

Sie haben es geliebt, sie wollten schon länger etwas mit mir machen, und es war einfach der richtige Schritt. Wir haben eine Miles-Davis-Hommage gemacht, die als exklusive Abo-Veröffentlichung gemeinsam mit „Miles Davis – Fearless, Live at Fillmore East“ erschienen ist. Die 7”-Single erreichte somit mehr als 12.000 Hörer*innen. Danach habe ich Ihnen ein Studioalbum geliefert, „Devotion“, ein Doppel-LP, 2023, und dieses Album schwingt immer noch nach und erreicht heute noch neue Hörerschaften.

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, mit Third Man Records zu arbeiten. Rückblickend kann ich sagen, dass die Veröffentlichung auf einem großen Label wie Third Man unsere Reputation wirklich gestärkt hat. Es hilft uns, über den Kreis der reinen Vinyl-Liebhaber hinauszugehen und hat Türen zu größeren Bühnen geöffnet – etwa zum Paris Jazz Festival und sogar in der Philharmonie von Paris, unter anderem.

Jack White von der Band The White Stripes. Foto: Third Man Records

Du bist regelmäßig auf internationalen Bühnen zu sehen – (von London über Paris bis Tokio.) Wie gelingt dir der Spagat zwischen dem Insel-Leben auf Ibiza und deiner globalen Karriere?

Ich bin noch mitten in diesem Prozess – jeder Tag ist ein neues Abenteuer und verlangt ständige Anpassung. Wichtig ist es, einen Ort zu haben, an den man zurückkehren kann, einen Ort, an dem man sich zu Hause fühlt. Es ist wie das Zentrum eines Radius. Ich lerne, das alles Tag für Tag zu balancieren.

Wenn ich an etwas arbeite, tauche ich komplett darin ein, dann kommt das nächste Projekt, und dazwischen versuche ich, Raum für mich selbst zu finden, um zu ruhen und wieder zu Kräften zu kommen. Ich sehe, dass es eine gute Organisation seiner Tätigkeiten bedarf.

Ich bin jemand, die die ganze Energie in das steckt, was ich gerade mache, ich fokussiere meine Energie durch die Linse meiner Motivation. Wenn ich mich selbst ein wenig zur Seite stellt, fließt die ganze Energie auf natürliche Weise dorthin, – dann wird zum Beispiel auch die Schlafensnotwendigkeit von allein verkürzt. Dann versuche ich mich während meiner Tätigkeit schon auszuruhen. Abseits davon liebe ich es, Zeit im Garten zu verbringen, in der Natur. Das ist einer der Dinge, die funktionieren.

IbizaHEUTE Redakteur Thomas Hofmann und Muriel Grossmann

Was steht als Nächstes an – sind für diesen Winter oder das kommende Jahr bereits Konzerte auf Ibiza geplant, und wie sieht deine Tourplanung international aus?

Das Konzert bei Ibiza Jazz Point war Teil der Tour zur Promotion des Albums Breakthrough. Vor Ibiza haben wir in Gatzarte, Athen, im Yecla Jazz (Murcia) gespielt und dann in Jazz & The City, Salzburg.  Diese Woche haben wir noch eine Aufnahmesession, danach geht es weiter nach Tallinn ins Philly Joe’s und nach Helsinki zum We Jazz Festival. Danach reisen wir nach Paris und spielen im New Morning, und nach Zürich im Moods. Im Januar beginnt der Österreich-, Deutschland- und Niederlande-Teil der Tour.

Wir haben die Konzerte, die wir in den letzten Jahren gespielt haben, aufgenommen, damit wir Live-Alben veröffentlichen können. Gleich zu Beginn dieses Jahres haben wir „Live im King Georg, Köln“ herausgegeben. Es gibt einige großartige Aufnahmen, manche haben wir schon für eine Veröffentlichung vorbereitet, wie die von Konzerten aus Cannes oder Utrecht und anderen. Auch die jüngsten Konzerte in Athen und Yecla, werden tolle Live-Alben werden.

Wer oder was hat dich ursprünglich inspiriert, Jazzmusikerin zu werden und welche Musiker haben dich geprägt bzw. inspirieren dich noch immer – und warum hast du dich gerade für das Sopransaxophon entschieden?

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, es war, als ich Gerry Mulligans Platte „Quiet Nights“ gehört habe, oder ungefähr zu dieser Zeit. Art Farmer, ein großartiger Trompeter, lebte damals noch in Wien und spielte dort, Joe Zawinul war wieder zurück in Wien. Alle meine Freund*innen waren auf die eine oder andere Weise mit Musik und Jazz verbunden, es war eine großartige Zeit, wir haben die Musik richtig gelebt.

In dieser Zeit habe ich auch Charlie Parker und John Coltrane entdeckt, die mich seitdem begleitet haben – ich sehe sie als meine leitende Kraft, wie einen Leuchtturm, der mich von den Felsen fernhält. Ich habe mit Altsaxofon angefangen, aber als ich Coltrane hörte, habe ich mir auch ein Sopransaxophon besorgt. Das hat mir geholfen, mehr in der höheren Lage zu hören. Dasselbe ist passiert, als ich begann, Dinge zu hören, die außerhalb meiner stimmlichen Lage waren – da kam dann das Tenorsaxophon dazu.

Ich reise zu meinen internationalen Konzerten immer mit Sopran-, Alt- und Tenorsaxophon. Das Saxophon ist eine kraftvolle Stimme mit unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Es ist ein Instrument, das mich seit meinen frühen Jahren fasziniert. Für das Sopransaxophon bin ich besonders von John Coltrane und Sidney Bechet beeinflusst.

Im Jazz war meine erste große Inspiration Charlie Parker, einer der größten Altsaxophonspieler aller Zeiten. Später habe ich von all den Meistern gelernt – Lester Young, Johnny Hodges, Dexter Gordon, John Coltrane, Stanley Turrentine, Illinois Jacquet und vielen anderen.

Charlie Parker am Saxophon. Foto:KI

Jazz ist eine ausgefeilte Sprache mit unvergleichlicher Tiefe. Er enthält auch all die Elemente, die ich am meisten liebe: schöne eingänige Melodien und Harmonien, einen starken Groove und eine unvorstellbare Freiheit im Ausdruck.

Und natürlich ist Jazz nichts ohne die richtige Band – die Musiker*innen, die ihre Mitmusiker*innern durch ihr Zuhören, ihre Aufmerksamkeit und ihr Können anheben. Das ist der Grund, warum ich Jazz liebe.

Und zum Schluss: Gibt es für dich einen besonderen Ort auf Ibiza, an dem du zur Ruhe kommst oder neue Inspiration findest?

Ganz Ibiza gibt mir Inspiration. Mein Zuhause auf dem Land ist meine größte Inspirationsquelle.

Ich nehme einfach mein Instrument in die Hand und spiele, und während ich das tue, verschwindet alles um mich herum. Ich denke, an einem schönen Ort zu sein – in meinem Garten, am Meer oder einfach hier irgendwo in der Natur – macht das alles noch leichter.

Weblinks

Bandcamp
https://murielgrossmann.bandcamp.com
YouTube Channel
https://www.youtube.com/channel/UC51BUEz6FaaobTWSWJeH-tQ
Webseite
http://www.murielgrossmann.com
Instagram
https://www.instagram.com/murielgrossmann
Internationale Konzertseite
https://www.bandsintown.com/a/15584957-muriel-grossmann

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