Der Chefredakteur von IbizaHEUTE schreibt heute über den Massen-Tourismus auf den Inseln, der Fluch und Segen zugleich ist. Und stellt die Frage: „Wollen die Inseln wirklich auf die Milliarden verzichten, die der Massen-Tourismus jedes Jahr in die Taschen der Insel-Unternehmen spült?“
Liebe Leser,

erst einmal einen schönen guten Morgen. Der stramme Ostwind, der gestern noch über Ibiza und Formentera fegte, ist vorbei. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint schon herrlich warm vom Himmel – schöner kann ein Tag am 2. Juni kaum sein. Da sieht es in vielen Teilen Deutschlands ganz, ganz anders aus. Da kämpfen Menschen gegen Wassermassen an, ohne dass sie den Hauch einer Chance haben. Sie versuchen in den Hochwassergebieten ihr Hab du Gut zu retten, um letztendlich nur noch ihr nacktes Leben retten zu können. Furchtbar!
Politiker und Umweltschützer diskutieren darüber, wie man den weltweiten Temperaturanstieg verhindern könnte, beschließen teuerste Mammut-Programme und schicken sie auf den Weg. Dabei müsste eigentlich jedem logisch denkenden Menschen klar sein: Es ist sinnlos! Solange Staaten mit Milliarden Einwohnern wie China und Indien jeden Tag so viele Schadstoffe in die gequälte Atmosphäre schicken, wie Deutschland in einem ganzen Jahr – ich denke, da übertreibe ich nicht – erscheint mir das, als versuche man, einen Waldbrand mit einem Eimer Wasser zu löschen.
Die Erderwärmung ist da. Natürlich sollten wir alles tun, um sie zu begrenzen. Aber – und das ist die bittere Realität – wir haben kaum eine Chance, das zu verhindern. Und totalitären Regierungen ist ziemlich egal, was aus der Welt wird und ob in der Südsee ein paar Inseln überflutet werden. Genauso wie es Putin egal ist, ob in seinem angezettelten Krieg Hunderttausende junge Menschen an den Fronten und Frauen und Kinder in den Städten sterben, die er mit Bomben und Drohnen angreift. Schlimme Welt!
Ich denke, statt unsinnige und verzweifelte Löscharbeiten – Wassereimer gegen Waldbrand – zu starten, sollten die klugen Köpfe der Wissenschaft darüber nachdenken, wie man mit den Folgen des Klimawandels umgeht. Wie kann die Welt danach weiterleben? Wie schützen wir uns gegen Wetter-Extreme mit Hochwasser im Frühjahr und Herbst? Wie gegen Waldbrände in den heißen Sommern? Wie mindern wir die Folgen des weltweit ansteigenden Meeresspiegels? Dahin gehören die Milliarden, die wir momentan für fragwürdige Aktionen verpulvern.
Ich sage bewusst „kluge Köpfe der Wissenschaft“ und nicht kluge Köpfe in der Politik. Denn die sehe ich nicht – leider. Fazit: Wenn wir schon die Ursachen nicht mehr beseitigen können, lindern wir zumindest die Auswirkungen …
Themenwechsel: Ich denke, dass eine Reihe von Ihnen den 6-Minuten-Beitrag im ZDF-Auslandsjournal am vergangenen Mittwoch, 29. Mai, gesehen haben. Titel: „Der Ausverkauf von Ibiza. Aufstand auf den Balearen“. Der Bericht war – im Gegensatz zu ähnlicher Berichterstattung in Großbritannien – sehr sachlich gehalten und weit weg von Sensations-Mache. Es kamen Menschen zu Wort, die aus Wohnungsnot in Wohnwagen oder Autos schlafen oder zwei bis drei Jobs annehmen müssen, um die wahnsinnig hohen Mieten zu zahlen. Es sind schlimme und unhaltbare Zustände, die auch wir von IbizaHEUTE seit vielen Jahren scharf kritisieren. Weil wir schon vor Jahren gesehen haben, dass der Zug in die falsche Richtung rast. Aber die simple Rechnung „Weniger Tourismus gleich mehr Wohnungen“ stimmt nur begrenzt.
Sie müsste eigentlich heißen: Weniger Tourismus gleich weniger Arbeitsplätze. Weniger Arbeitsplätze gleich weniger Menschen, die hier wegen Jobs auf die Insel kommen. Weniger Menschen gleich mehr freien Wohnraum, weil die Wohnungen nicht mehr gebraucht würden. Denn es sind vor allem die Menschen, die wegen des Geldverdienens aus den armen Teilen Spaniens und auch Südamerikas auf die Balearen kommen. Sie treffen auf die Situation mit der extremen Wohnungsnot und den wahnsinnig hohen Mieten – und auch des Mietwuchers, bei denen skrupellose Vermieter die Not der Menschen ausnutzen.
Und die Situation wird noch verschärft durch illegale Ferienvermietungen, bei denen Vermieter lieber in den Sommermonaten teuer an Touristen vermieten, als ihre Wohnungen für weniger Geld an Einheimische abzugeben. Aber darüber habe ich schon reichlich geschrieben. Aber ich sehe kaum eine Chance, diesen Teufelskreis mit simplen Mitteln zu durchbrechen. Ibiza, Formentera leben genauso vom Tourismus wie Mallorca und Menorca. Weniger Tourismus bedeutet weniger Geld. Aber wer verzichtet gern auf die Milliarden, die auch der Massen-Tourismus bringt? Welcher Politiker sagt seinen Wählern und Freunden aus der Hotelbranche, aus den Leihwagenfirmen, aus den Restaurants: „Wir müssen leider den Touristenstrom eindämmen. Du wirst leider weniger verdienen!“ Dazu kommt noch, dass viele Politiker oder ihre Familien selbst Besitzer von Hotels, Restaurants und Co. sind.
Ich weiß, das hört sich jetzt ketzerisch an, aber so ist es! Jede Münze hat zwei Seiten. Bei der auf Ibiza sind es einerseits die Milliarden-Einkünfte durch den Tourismus (auch Massen-Tourismus) mit vielen Arbeitsplätzen und sicheren Einkommen für Tausende Menschen. Die Kehrseite der Medaille sind Wohnungsnot, wahnsinnig hohe Preise und Umweltbelastung. Das Umkehren würde einen radikalen Schnitt bedeuten. Der könnte nur lauten – um auf unseren Inseln zu bleiben: „Ibiza und Formentera lassen in der Saison nur noch halb so viele Touristen auf die Insel, wie bisher!“
Ich höre schon jetzt den lauten Protest der Tourismus-Brunche und Gastronomie – von den Airlines über Hotels und Restaurants bis zu den Taxifahrern und Supermärkten. Die Inseln würden viele Milliarden Euro pro Jahr weniger verdienen. Zugegeben, es wäre ein Weg, der Erfolg versprechen würde. Aber wer verzichtet schon auf Milliarden? Ich befürchte: Es wird bleiben, wie es ist! Immer mehr Massen-Tourismus wird über die Inseln fluten. Und immer werden wir die Sätze der Politiker hören, dass es so nicht weitergehen kann. Wetten, dass es genau so weitergeht …
Aber heute ist Sonntag, ein Tag wie gemalt auf den Inseln. Genießen wir ihn, bevor der Massen-Tourismus uns für die Saison viel Freude an Ibiza und Formentera nimmt.






