Der Chefredakteur schreibt über die Insulaner, die nur ein Thema haben: Über Ibiza und Formentera zu schimpfen…
Liebe Leser,

wir hatten gestern einen fantastischen IbizaHEUTE-Feinschmecker-Treff im romantischen Garten des Restaurants „marc’s“. Gekocht wurde nach den Rezepten von Sänger und TV-Star Thomas Anders, der mit seiner Frau Claudia auch dabei war. Davon mehr an anderer Stelle. Mir geht es um ein anderes Thema: um die Kritik über das Ibiza von heute! Das war Gesprächsthema zwischen uns, wozu auch Marc Lindemann stieß, der Chef des Restaurants.
„Ich kann es kaum noch anhören, dass sich pausenlos Leute über Ibiza beschweren! Und sagen, dass früher ja alles besser war!“ Das waren einige der Kernsätze in unserer Runde. Ich glaube, jeder von uns – und da schließe ich Sie als Leser ein – hat schon sein Fazit über die Entwicklung von Ibiza und Formentera während der vergangenen 10, 20 oder gar 30 Jahre gezogen. Und dieses Fazit ist oft nicht positiv ausgefallen. Schon bei einem Interview, das ich mit Thomas Anders vor sieben oder acht Jahren führte, war einer seiner Kritik-Punkte: „Die Menschen, die Ibiza so einmalig gemacht haben, verlassen die Insel, weil sie sich das teure Leben auf Ibiza nicht mehr leisten können. Mit ihnen stirbt ein Stück Seele der Insel. Das ist eine schlimme Entwicklung!“
Ja, damals verließen viele Künstler, Alt-Hippies und einmalige Insel-Originale Ibiza. Sie wurden Opfer der neuen Philosophie. Und die hieß: Reich werden. Da sollten Mieter plötzlich doppelt so viel für ihre Wohnung oder kleine Fincas zahlen. Wer nicht zahlte, flog von einem Tag zum anderen raus. Es waren übrigens fast immer die Ibizenkos, die ihre Mieter auf die Straße setzten – und nicht die Ausländer. Zu den Wahnsinns-Mieten kamen die immer teurer werdenden Lebenshaltungskosten. Ibiza verlor viele der Menschen, die den Ruf der bunten Insel geschaffen hatten. Und nicht wenige von uns haben bestimmt mehr als einmal überlegt, ob wir auf der Insel bleiben sollen.
Ja, Ibiza und auch Formentera haben sich verändert. Die ganze Welt hat sich verändert. Leider in die falsche Richtung. Klar könnten wir sagen: Ibiza Adieu! Aber wo finden wir das Paradies, das wir suchen? In Deutschland mit seinen politischen und wirtschaftlichen Problemen – nein! In Griechenland mit der im Sommer unerträglichen Hitze, den Waldbränden, der Küche, die für nicht unbedingt zu den Besten zählt – eher nicht. In Italien, wo zwar das Essen hervorragend ist, aber sonst ganz viel im Argen liegt. Portugal und die Kanaren? Nicht meine Inseln und viel längere Flüge – auch keine Alternative.
Wie ist es mit der Karibik? Da haben die US-Amerikaner dafür gesorgt, dass der Traum der Karibik nur noch in den Songs von Harry Belafonte existiert: teure Preise, schlechter Service, das Essen miserabel oder unvorstellbar teuer.
Dazu kommt die politische Situation. Ibiza ist eine kleine, unbedeutende Insel. Weit weg von wirtschaftlicher oder strategischer Bedeutung. Und 2000 Kilometer entfernt von Krieg und Krisen. Asylprobleme, Clan-Kriminalität, streng bewachte Gotteshäuser oder Behörden? Gibt es hier nicht. Ich kann unbehelligt in die Rathäuser oder gar ins Gebäude der Insel-Regierung gehen und mich mit Politikern treffen, die nicht von Bodyguard abgeschirmt sind.
Und wenn ich nicht gerade eine 30.000-Euro-Rolex spazieren trage, bin ich auch nicht das Ziel der Rolex-Bande. Natürlich gibt es auch hier Kriminalität, aber da ist Gewalt gegen Menschen ganz, ganz selten. Und hier leben Muslime, Christen, Buddhisten und Atheisten friedlich neben- und miteinander. Verblendete Messerstecher sind hier bisher nicht unterwegs.
Ibiza und Formentera sind friedliche Orte in einer Welt, wo es an allen Ecken und Enden brennt. Natürlich hatten die Inseln vor 30 Jahren mehr Charme, in den 1970ern noch mehr. Aber da war das Gesundheits-System eine Katastrophe – die Infrastruktur ebenfalls. Heute haben wir zwei hervorragend ausgestattete Kliniken; unser Internet läuft blitzschnell über Glasfaser-Kabel. Davon kann ich selbst in Hamburg nur träumen.
Gut, wir haben Probleme mit der Wasserversorgung. Aber die hatten wir früher auch. Natürlich hätte die Insel-Regierung für das Wasser Alarmstufe „Rot“ herausgeben müssen. Natürlich hätten die Dutzende neuer 5-Sterne-Hotels Auflagen für wassersparende Gärten und ihren Riesen-Pool bekommen müssen. In Bezug auf Massen-Tourismus versagt die Insel-Politik weitgehend. Man schlachtet nicht das goldene Kalb. Aber wenn ich mir die Politik in Deutschland anschaue, sind für mich das, was auf Ibiza und Formentera versäumt wird, erheblich weniger – aber natürlich noch genug, was rasch zu ändern ist.
Um zum Thema zurückzukommen: Kritik an Ibiza ist berechtigt. Aber vergessen wir nicht, was positiv und einmalig ist. Die Natur der Insel. Die wunderbaren Strände, die zu den schönsten der Welt gehören. Das Meer, das so sauber und klar ist, wie kaum sonst im Mittelmeer. Die wunderschöne Nebensaison mit den warmen Tagen. Das Licht der Wintertage, wo bei uns noch die Sonne scheint, wenn in Deutschland abends schon Dunkelheit und Tristesse eingekehrt sind. Die fröhlichen und toleranten Menschen. Die Restaurants mit der guten Mittelmeerküche. Die klare Luft, wenn nicht gerade wieder Ozeanriesen ihre Abgase in den Himmel jagen.
Wo finde ich all das anderswo auf der Welt? Mir fällt da kein Ort ein. Freuen wir uns darüber, dass wir hier leben dürfen. Und helfen wir mit, die Einmaligkeit von Ibiza und Formentera zu bewahren. Dafür kann jeder etwas tun: mit wassersparenden Gärten, mit weniger Wasserverbrauch, mit der Unterstützung der Menschen und Gruppen, die sich für den Naturschutz einsetzen. Da gibt es viele kleine Schritte zum großen Ziel.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute Woche, wo immer Sie sind. Und wenn Sie auf Ibiza oder Formentera sind, genießen Sie die Insel …
Ich habe schon so einige Bekannte erlebt, die Ibiza verlassen haben, weil sie Ibiza einfach nicht mehr ertragen wollten – und nach spätestens einem halben Jahr zurückkamen…




