Der Chefredakteur von IbizaHEUTE schreibt über teure Wohnungen auf Ibiza und Formentera, über illegale Ferien-Vermietung, über Mangel an Arbeitskräften und das totale Versagen der Politik über viele Jahre.
Liebe Leser,

die jahrelangen Fehler der Politik fliegen der Insel gerade richtig um die Ohren. Ich meine, das Versäumnis, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Da hat jede Partei versagt, die in der Verantwortung war – von links bis rechts! Die Folgen: Es gibt praktisch keine Wohnungen auf Ibiza und Formentera, die ein Normalverdiener sich leisten kann. Mit Normalverdienern meine ich Handwerker, Service-Personal, Köche, Verkäuferinnen, Angestellte, Krankenpfleger – aber auch Polizisten.
Die Folgen erlebe ich gerade im Bekanntenkreis: Die Haushaltshilfe von Freunden verlässt mit der Familie Ibiza in Richtung Festland. Grund: „Können uns die Miete nicht mehr leisten.“ Eins meiner Lieblings-Restaurants, das traditionell immer zum Valentinstag am 14. Februar öffnet, teilte mit: „Wir finden kein Personal, öffnen wahrscheinlich erst Ende März!“ Auf den Techniker für meine Fenster warte ich seit sieben Monaten: „Wir haben keine Techniker. Kommt doch niemand mehr auf die Insel, weil sie keine Wohnung finden.“
Auch die bedrückenden Bilder und Nachrichten der vergangenen Saison bekomme ich nur mühsam aus dem Kopf: Eine freundliche junge Kellnerin in Santa Eulària erzählte: „Ich schlafe im Auto und dusche am Strand. Ein Zimmer zu mieten, kann ich mir nicht leisten.“ Der Koch eines Nobel-Restaurants hauste in einem kleinen Zelt am Strand. Sein Chef, der Restaurant-Leiter, zeltet auf dem Campingplatz. Und eine Bekannte, die glücklich war, im Winter eine kleine Wohnung (anderthalb Zimmer, 950 Euro) gefunden zu haben, saß mit Beginn der Saison auf der Straße. Der Vermieter warf sie aus der Wohnung, um noch teurer an Touristen zu vermieten – illegal natürlich.
Das sind keine Einzelfälle. Wie fühlt man sich in solchen da in einem Land, wo das Recht auf eine vernünftige Wohnung im Gesetz verankert ist? Journalisten-Kollegen haben junge Insulaner auf Mallorca interviewt. Solche mit guter Ausbildung, sogar mit Universitäts-Studium. Eine Wohnung? „Davon träumen wir, können sie uns aber nicht leisten!“, so die eine Antwort. „Wir möchten heiraten, eine Familie gründen. Aber selbst mit zwei Gehältern reicht es nicht zur Mietwohnung und zum Leben!“, so ein junges Paar. „Wir müssen die Insel verlassen und aufs Festland ziehen, um eine bezahlbare Wohnung zu finden“, war die Antwort einer jungen Familie.
Die Aussage eines jungen Mannes zeigt den sozialen Sprengstoff: „Meine Freundin und ich wollen heiraten, aber wir können uns keine Wohnung leisten. Ich bin nicht neidisch auf die Ausländer und ihre großen Villen. Aber für uns, die wir hier geboren sind, bekommen noch nicht mal eine kleine Wohnung …“
Die Gefahr, die ich sehe: Hoffnungslosigkeit führt leicht zum Hass. Und das trifft hauptsächlich uns, die wir als Gast hier leben. Fragen Sie mich nicht nach einer Lösung. Ich sehe keine. Das Versagen von Regierungen, die Milliarden für den Tourismus ausgeben, aber so gut wie keinen Wohnraum für ihre eigene normal verdienende Bevölkerung schaffen, lassen sich nicht so leicht beheben. Und mit Flickwerk kommt man nicht weiter. Mieten gehen nur runter, wenn es genug Wohnraum gibt. Das ist das Gesetz des Marktes. Es muss also gebaut werden – schnellstens!
Helfen könnte auch die konsequente Verfolgung illegaler Vermietungen. Es gibt Tausende Wohnungen auf Ibiza, deren Inhaber nur das Ziel haben, in der Saison teuer an Touristen zu vermieten. Den Rest des Jahres stehen die Wohnungen leer – und fehlen den Insulanern. Natürlich dürfen auf Ibiza grundsätzlich keine Wohnungen, sondern nur Häuser mit Lizenz vermietet werden. Aber wen kümmert es?
Ibizas Inselrats-Präsident Vicent Marí weiß als höchster Politiker der Insel um das Problem und ist ganz vorn, wenn es um die Bekämpfung der illegalen Vermietung geht, die Menschen bezahlbare Wohnungen „wegnimmt“. Und er sieht die Folgen, die ich eingangs geschildert habe. Der Inselrats-Präsident sucht nach Lösungen. Die Androhung von Versieglung der Wohnung bei illegaler Ferien-Vermietung ist nur ein Punkt davon. Doch schnell wird das alles nicht gehen.
Langsam beginnt die Saison 2024. Hoffen wir, dass die Restaurants der Insel genug Service-Personal finden, die Kliniken genug Pflegepersonal, die Unternehmen genug Arbeitskräfte. Hoffen wir, dass die Menschen, die zum Arbeiten auf die Insel kommen, bezahlbaren Wohnraum finden. Und hoffen wir vor allem, dass Menschen, die hier leben, nicht ihre Insel verlassen müssen, weil für sie Ibiza und Formentera unbezahlbar geworden sind. Das darf nicht sein!
Ich sehe gerade, dass der Himmel im Gegensatz zu gestern Morgen wieder blau ist, die Sonne scheint, die dunklen Wollen sind abgezogen. Ich werte das mal als gutes Zeichen und wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute Woche.
Herzlichst, Ihr Dieter Abholte






