Liebe Leser,

es war an einem Abend vor ein paar Tagen. Ich hatte mich mit Freunden zum Essen am Strand verabredet. Zeit: 19 Uhr, eigentlich etwas zu früh, um zu Abend zu essen. Die Spanier kommen frühestens um 21.30 Uhr, die Deutschen sind lieber schon um 8 Uhr abends da. Wenn geht, noch früher. Aber bei uns war es 19 Uhr. Ort: der Strand Niu Blau, kurz hinter Santa Eulària. Zeit und Ort waren ideal. Die Strandbesucher hatten schon ihre Handtücher eingepackt und waren auf dem Weg zu Wohnung oder Hotel: Also Parkplatz ohne Ende, wo man tagsüber kaum eine Chance hat. Dazu freie Auswahl an den Tischen des Restaurants, auch in der ersten Reihe am Meer.
Der Blick in die Karte. Die ist jetzt dreisprachig, aber immer noch ibizenkisch: Lubina a la sal, fangfrischer Seewolf im Salzmantel, das Kotelett vom Iberico-Schwein, die Artischocken in Olivenöl gebacken und mit Splittern vom Serano-Schinken. Dazu diverse Seafood-Gerichte und Traditionelles, wie es sich für ein Restaurant auf der Insel gehören sollte. Die Stühle bequem, die Tische mit weißer Tischdecke, der Service sehr herzlich, der Blick auf die Bucht fantastisch.
Es ist die „blaue Stunde“, wo das letzte Licht der untergehenden Sonne, alles in ein fast unwirkliches blaues Licht taucht. Eine Motoryacht läuft vorsichtig ein, denn hier ist das Meer flach – und Felsen gibt es auch. Das Paar an Bord möchte ankern. Erfahrung wohl gleich null. Ankern mit dem Wind, zu wenig Kette, zu dicht am Badebereich. Also alle Fehler, die man machen kann. Nach einer halben Stunde und vier Versuchen hält der Anker für zehn Minuten, slippt dann wieder. Die auf der Motoryacht geben auf. Es ist noch immer blaue Stunde.
Ein verliebtes Paar spaziert umschlungen am Strand entlang. Auf der kleinen Landzunge, die sich ins leicht bewegte Meer schiebt, sitzt eine schlanke junge Frau im Schneidersitz und schaut aufs Meer. Am Nebentisch ist jetzt eine große spanische Familie. Die beiden Kinder, ein Mädchen und ein Junge, drei und vier Jahre werden sie sein, erobern erst den Strand, um danach ihre bestellten Muscheln gekonnt zu essen. Alles ganz ruhig, unaufgeregt. Keine Musik übertönt das Geräusch der Wellen, die sanft an den Strand spülen. Kein fremder Geruch nach Chanel Nr. 5 und Co. stört den Duft des Meeres. Es riecht nach Algen, nach Salz – nach Meer eben.
Es ist wie früher, wie vor 30 oder 40 Jahren. Schon damals gab es dieses Restaurant am Meer. Gab es auch links den winzigen Hafen, wo auch heute ein paar kleine Boote sanft schaukeln. Hier habe ich mich an meinen ersten Salzfisch getraut, und meinen ersten Hierbas auf Kosten des Hauses bekommen. Meine beiden Söhne, sieben und acht waren sie, haben am Strand gespielt, das Abenteuer Meer entdeckt, und uns stolz die gesammelten Muscheln gezeigt. Dafür wurde sie vom Kellner mit einer Limo belohnt. Mit der Erinnerung kommen ein bisschen feuchte Augen, ist wohl vom Seewind – aber die wichtige Erkenntnis: Es gibt es noch immer, dieses alte Ibiza. Natürlich nicht eins zu eins, aber in dieser blauen Stunde ist das Gefühl ganz stark, das man Spirit der Insel nennt. Für mich ist es die Seele Ibizas.
Welcher Unterschied zu den schicken Beach-Clubs mit den Vasen teurer Blumen auf den weißen Tischen! Mit dem Service, der sein Missfallen spüren lässt, wenn man nur die – schon unverschämt überteuerte – Flasche Wein für 62 Euro bestellt, statt die für 96 Euro. Mit dem DJ, der mit seiner Techno-Musik die Geräusche des Meeres gnadenlos übertönt. Mit der Rechnung, die im schicken Kästchen serviert wird: über 250 Euro für zwei Personen und dem stillen Vorwurf, dass man in diesem Restaurant eigentlich 400 Euro ausgeben sollte – mindestens.
All das ist in diesem Restaurant an Niu Blau ganz weit weg. Hier ist der fröhliche Restaurantleiter, der zwischendurch einen kleinen Chupito serviert und auch einen mittrinkt. Hier ist der freundliche Service, der lächelnd über das Chaos eines umgestoßenen Weinglases – mit Kettenreaktion – hinwegsieht und einfach neue Gläser bringt. Hier ist auch die Küchenchefin, die beim Zerteilen der Lubina im Salzmantel feststellt, die müsste noch mal für zehn Minuten in den Ofen. Wunderbar all diese kleinen Gesten, die sagen: Du bist unser Gast, du sollst dich wohlfühlen, den Abend genießen. Dazu gehört auch der perfekt gegarte Fisch, der nach wenigen Minuten wieder am Tisch ist und köstlich schmeckt.

Natürlich ist es kein billiger Abend mit unseren Vorspeisen, dem Salzfisch, dem Dessert, den Getränken, der Flasche weißen Albariño aus dem Norden Spaniens. So haben wir auch an die 130 Euro gezahlt. Aber für köstliches Essen, für perfekten Service, für den wunderschönen Ort am Meer – und meine Erinnerung ist ohnehin unbezahlbar.
Was ich mit diesen Zeilen sagen möchte: Es gibt sie noch, die Restaurants mit der Seele Ibizas. Und nicht nur Sterne-Küche und teure Restaurants, die für mich eine fremde Welt auf die Insel bringen, statt die Einmaligkeit Ibizas zu bewahren. Sushi statt Salzfisch, Kaviar-Nudeln statt Insel-Landhuhn. Das alles kann ich überall auf der Welt essen… Aber die echten Ibiza-Gerichte bekomme ich nur auf der Insel. Und es lohnt sich, diese Orte zu entdecken. Wir helfen Ihnen dabei: mit unseren täglichen Berichten auf IbizaHEUTE-Online (ibiza-heute.de) und natürlich mit unserem gedruckten Magazin von IbizaHEUTE, das jetzt mit der Juli-Ausgabe frisch am Kiosk ist.
Wie das Restaurant an Niu Blau heißt, wo ich mich mit Freunden getroffen habe? Genauso wie die Bucht: Niu Blau. Ich denke, wir werden dort im Spätsommer einen IbizaHEUTE-Feinschmecker-Treff machen. Am liebsten abends in der blauen Stunde…
Ich wünsche Ihnen einen entspannten Sonntag und einen guten Start in die Woche. Genießen Sie den Sommer und das Leben – auf Formentera und Ibiza ist beides besonders schön.
Herzlichst, Ihr Dieter Abholte





