Peter Sinfield schrieb einst „Formentera Lady“

Unser Kollege Roland Flier ist absoluter Experte, wenn es um die Musikgeschichte Ibizas und Formenteras geht. Er hat darüber mit „Magic Rock“ auch ein faszinierendes Buch geschrieben und auch eine Serie in IBIZAHEUTE veröffentlicht. Hier schreibt Roland Flier über Peter Sinfield, der einst den Song „Formentar Lady“ schrieb. Am 14. November verstarb der große Musiker. Roland Flier würdigt ihn, seine Arbeit und zeigt noch einmal die tiefe Beziehung des Rockstars zu Ibiza und Formentera auf.

Die ewige Suche nach dem Sinn – Zum Tod von Peter Sinfield

Manchmal lohnt es sich wirklich, den Diario de Ibiza zu lesen: Da erscheint am 17. November eine ausführliche Würdigung des britischen Rockpoeten, Songschreibers und Lyrikers Peter Sinfield. Anlass: Der Mitbegründer des Progressiv Rock, Gründungsmitglied und Texter jener Urknall-Formation dieses Genres, King Crimson, ist am 14. November 2024 im Alter von 80 Jahren in seiner Heimat Großbritannien verstorben.

Warum nun eine solche Hommage in einer ibizenkischen Tageszeitung? Ganz einfach: Peter Sinfield war einer jener vielen Rockstars, die ab Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts längere Zeit – der Diario schreibt gar von 40 Jahren – abwechselnd auf Ibiza und Formentera gelebt haben. Sein größter Coup, mit dem er sich für die beiden Pityusen-Inseln für immer unsterblich machte: Auf dem vierten Studioalbum der Gruppe, „Islands“, befindet sich der epochale Song „Formentera Lady“. Ein wunderschönes Liebeslied, eine Ode an die Insel der Träume, untermalt mit teils leisen, teils fulminant lauten Klängen des typischen progressiven Rock jener Ära. Formentera bedankte sich für diese – zwar kostenlose, aber dafür doch äußerst effektive – Werbung mit einem Straßennahmen in Es Pujols, der „Carrer de King Crimson“.

Die Straße auf Formentera, die nach der Band benannt wurde.

 

Wann hat ein Journalist schon mal die Gelegenheit, aus seinem eigenen Buch zu zitieren? In „Magic Rock – Wie Ibiza und Formentera zum Geburtsort genialer Musik wurden“ heißt es in Kapitel 2 unter dem Titel „Der grauen Hand keine Chance“:

„Wenn du aus dem grauen, regnerischen, nebligen England kommst, um dich auf einer Sonneninsel wie Formentera zu erholen und inspirieren zu lassen, dann fallen dir – wenn du mit einer kleinen Portion Genie geboren wurdest – vielleicht solche Zeilen ein: „Times grey hand won’t catch you, while the stars shine down. I‘ll unwind my old strings, while the sun shines down. Won‘t climb any high thing, while the sun shines.“ Und wenn du noch ein bisschen mehr von der göttlichen Gabe Genius abbekommen hast, machst du um diese Zeilen herum einen ganzen Song – und um den Song herum ein ganzes Album. Wir reden von Peter Sinfield, dem leicht entrückten, dafür aber umso begabteren Lyriker der britischen Rockgruppe King Crimson. Er schrieb die meisten Texte der ersten vier Alben dieser Ausnahme-Truppe. Einer Truppe, der man heute in der Nachschau nicht weniger als die „Erfindung“ des Progressive Rock nachsagt. Jener Musikgattung also, die – entgegen dem lauten, eher simplen Dröhnen des Hardrock oder Heavy Me-tal – zu einer Symbiose aus anspruchsvoll-lyrischen Texten mit ebenso anspruchsvoll-avantgardistischen Musik-Arrangements und -Kompositionen verschmilzt.“

Ein Foto aus den 1970ern: Sinfield unten links, rechts oben Chef bis heute Robert Fripp

Sinfield hatte sich also in die beiden Pityusen-Inseln verliebt – und auf Formentera in eine Inselschönheit, seine Formentera Lady. Den Inseln blieb er lange treu, was aus der Angebeteten wurde, weiß man nicht. In den 80er und 90er Jahren lebte Sinfield in Santa Eularia, „am Fluss“, wie man sagt, wo genau ist nicht überliefert. Nach „Islands“ hatte er sich von King Crimson getrennt – der ständige Personalwechsel war ohnehin Markenkern und Alleinstellungsmerkmal der Gruppe. Sinfield schrieb weiter Lieder für andere Größen der Musikszene wie Celin Dion, Cher, Cliff Richard, Leo Sayer, Roxy Music. Für sein King Crimson-Mitgründungsmitglied Greg Lake schrieb er „I Believe in Father Christmas“, einen Weihnachtssong, der demnächst sicher wieder häufiger aus den Radios schallen wird.

Aus fast allen seinen Songtexten liest sich deutlich heraus: Hier schreibt ein Denker, ein Sinnsuchender, ein Botschafter des Friedens und des klaren Menschenverstandes, der Liebe und des reinen Geistes, also ein wahrer Poet. Hierzu nochmal ein Zitat aus „Magic Rock“:

„Wie aktuell die Texte von Peter Sinfield ….. heute noch sind, kann sich jeder Interessierte beim Hören der Lieder erschließen. Geht man zurück auf King Crimsons Debüt-Album von 1969, ‚In the Court of the Crimson King‘ (Am Hofe des Karminroten Königs), das Album, das heute als nicht weniger als der Urknall des Progressive Rock interpretiert wird, so ist dort in dem grandiosen Stück „Epitaph“ zu lesen: ‚Knowledge is a deadly friend, when no one sets the rules. The fate of all mankind I fear, is in the hands of fools‘ (Das Wissen ist ein tödlicher Freund, wenn niemand die Regeln bestimmt. Das Schicksal der gesamten Menschheit, fürchte ich, liegt in der Hand von Narren). Damals unter der Bedrohung des Kalten Krieges und des atomaren Overkill geschrieben, erlangen diese Zeilen heute, in Zeiten eines nie für möglich gehaltenen, brutalen Eroberungskrieges mitten in Europa, eine neue, schreckliche Aktualität. Die Narren dieser Welt, die das Schicksal der gesamten Menschheit in Händen halten, waren bestimmt nie auf Ibiza und Formentera. Wo sich unter Wind und Wellen bei unendlichem Frieden die Inseln die Hand reichen (aus dem Stück My Island, Anm.d.Verf.), gedeihen – wie man an King Crimsons Liedern ablesen kann – andere, bessere Gedanken. Und wenn die Sonne scheint und die Sterne funkeln, hat auch die graue Hand der Zeit keine Chance.“

Der große Peter Sinfield, Sinnsucher und -finder, Freund und Förderer Ibizas und Formenteras, starb am 14. November 2024 im Alter von 80 Jahren. Er ruhe in Frieden!

 

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