Die Weihnachtswünsche unseres Chefredakteurs für die Inseln
Liebe Leser,

erst einmal wünsche ich Ihnen einen ruhigen und besinnlichen vierten Advent. In wenigen Tagen ist Heiligabend. Ich habe mir überlegt, was ich mir unter dem Tannenbaum wünschen würde, wenn ich es könnte. Nicht für mich – sondern für Ibiza, Formentera und natürlich für die Menschen, die hier leben. Wünschen darf man sich ja etwas, ob sich die Wünsche erfüllen, steht auf einem anderen Blatt.
Ich wünsche mir, dass die Menschen, die hier seit Generationen leben – und denen die Insel unbestritten gehören sollte – auch hier glücklich ohne Sorgen über ihre Zukunft leben können. Dass sie die Inseln nicht verlassen müssen, weil sie die Miete und die Lebenskosten nicht mehr bezahlen können. Viele erleben verzweifelt diese wirtschaftliche Vertreibung.
Ich wünsche mir, dass die Menschen, die hier ehrlicher Arbeit nachgehen, die in Hotels, Beach Clubs, Restaurants, in Supermärkten und am Bau dafür sorgen, dass alles rund läuft und wir hier ein gutes Leben haben, ebenfalls ein gutes Leben haben. Dass sie nicht – wegen der Wohnungsnot – in Baracken, alten Wohnwagen oder Zelten leben müssen. Und das an menschenunwürdigen Plätzen, ohne Wasser, ohne Strom, ohne sanitäre Anlagen. An Plätzen, die dann regelmäßig unter Polizeischutz mit Baggern plattgemacht werden. Sodass die so vertriebenen Menschen sich wieder anderswo eine Notunterkunft aufbauen müssen. Nicht einmal auf den Parkplätzen können sie in ihren Wohnmobilen übernachten. Denn da hat die Verwaltung in der Höhe Eisenträger angebracht, die verhindern, dass ein Wohnmobil durchkommt.
Meine Wünsche, damit die Inseln Paradiese bleiben…
Ich wünsche mir, dass die maroden Wasserleitungen auf Ibiza erneuert werden. Durch sie versickern bis zu 30 Prozent des kostbaren Wassers und verschärfen die Wasserknappheit auf der Insel. Einige Gemeinden haben das Problem in Angriff genommen, andere leider bisher nicht.
Ich wünsche mir, dass der immer weiter zunehmende Massentourismus wirklich gestoppt und zurückgefahren wird. Ehrlich und nachhaltig. Und nicht durch hilflose Maßnahmen wie die Beschränkung der Fahrzeuge auf den Fähren nach Ibiza, die kaum etwas bringt. Denn fast 100 Prozent der rund 4 Millionen Touristen pro Jahr kommen mit dem Flugzeug, nur einige Tausend mit dem Auto.
Ich wünsche mir, dass das alte Ibiza geschützt, gefördert und gepflegt wird. Ich denke an die Traditionsgeschäfte, an die alten, einfachen Inselrestaurants. Auch an die urigen Chiringuitos am Strand, auf die schon geldgierige Investoren lauern, um dort die Lizenzen für Liegen zu übernehmen und die Strandbuden in schicke und teure Beach Clubs zu verwandeln, um das große Geld zu machen.
Und nicht zuletzt wünsche ich mir eine ehrliche Politik für alle Menschen, die auf Ibiza und Formentera leben. Politiker, die Probleme beim Namen nennen, die einlösen, was sie vor den Wahlen versprochen haben, und die Probleme anpacken. Auch dann, wenn es gegen die Interessen der mächtigen Lobby geht, die mit dem Massentourismus Milliarden verdienen und stolz verkünden, dass jedes Jahr noch mehr Urlauber auf die Inseln kommen.
Was wird aus meinen Wünschen für die Inseln werden?
Das wären meine sechs Wünsche zu Weihnachten. Gut, wünschen kann man sich viel, aber gibt es auch Lösungen? Ich denke, in vielen Fällen ja – und es ist auch einiges in die richtige Richtung passiert.
Einige der Probleme lassen sich allerdings schwer oder nur über einen längeren Zeitraum entschärfen, weil sie über viele Jahre von den Verantwortlichen nicht angepackt wurden. Ich denke vor allem an die Wohnungsnot. Da haben die Politiker aller Parteien über Jahrzehnte versäumt, mit sozialem Wohnungsbau gegenzusteuern. Bis die neuen und beschlossenen Baumaßnahmen, Hilfen und Gesetze greifen, wird es Jahre dauern. Ähnlich ist es mit der Wasserverschwendung durch marode Leitungen. Die sind auch nicht von einem Tag auf den anderen zu lösen.
Andere Probleme dagegen bedürfen nur etwas Organisation, etwas guten Willen zur Hilfe und kosten kaum Geld. Ich denke da an die Behelfssiedlungen. Es ist doch so einfach, die Not dieser Menschen zu lindern: Die Gemeinden stellen einen größeren Platz zur Verfügung, richten sanitäre Anlagen ein, schaffen Wasser- und Stromzugang und genehmigen den verzweifelten Menschen dort, ihre Wohnwagen oder Notquartiere aufzubauen. Gerne auch gegen bezahlbare Stellgebühren, wie auf jedem Campingplatz. Das ist übrigens billiger, als die Bagger kosten, die regelmäßig alles niederwalzen und die Menschen von einem Ort zum anderen vertreiben.
Ähnlich leicht wäre es, die Chiringuitos davor zu schützen, dass Investoren sie übernehmen und weiter ein Stück Ibiza zerstören. Die Gemeinden müssen nur den Menschen, die seit Generationen die Strandbuden aufgebaut haben und betreuen, die Garantie geben: Ihr dürft hier weiter für fünf oder zehn Jahre bleiben.
Politik ist gefragt, die sich nicht von Millionen von Euro blenden lässt
Das bedeutet aber auch, dass man als Gemeinde so viel Charakter haben muss, und die finanziellen Angebote von Investoren ablehnt, die dort Beach Clubs und teure Strandliegen aufbauen wollen. Es ist eigentlich einfach, aber nicht selbstverständlich. Wir haben den Skandal auf Formentera noch alle im Gedächtnis, wo alle Besitzer der urigen Chiringuitos ihre Betriebe verloren, weil andere mehr Geld boten. Und auch auf Ibiza verloren Chiringuito-Inhaber ihre Bude an vermögende Investoren. Andere haben schlaflose Nächte, weil sie fürchten, 2026 ihre Betriebe und ihre Existenz zu verlieren. Dabei bräuchte die zuständige Gemeinde nur zu sagen: Ihr könnt bleiben! Das wäre doch so einfach, so verantwortungsbewusst und so menschlich. Das ist aber bisher nicht passiert – und die nächste Saison steht vor der Tür. Die Gäste der Chiringuitos sammeln inzwischen Unterschriften mit der Bitte, dass der alte Familien-Chiringuito bleiben darf. Ich finde das unmenschlich!
Ich denke, auch das Problem des Massentourismus kann mittelfristig gelöst werden. Durch Begrenzung der Unterkünfte, durch weniger Werbung um noch mehr Touristen auf den diversen und teuren Tourismusmessen und durch die Bekämpfung der illegalen Vermietung. Dadurch würden mehr Wohnungen frei, die jetzt teuer und illegal an Touristen vermietet werden. So würden gleichzeitig die Probleme Wohnungsnot und teure Mieten gelindert werden. Und das würde auch bedeuten: Die Ibicencos könnten bleiben, die vor allem wegen der sündhaft teuren Mieten nicht mehr auf Ibiza leben können.
Setzen wir uns alle für die Inseln ein, die so einzigartig sind
Ja, das sind meine Gedanken zum heutigen vierten Advent. Ich weiß, dass dieses Thema wenig romantisch ist. Aber gerade, wenn man die Inseln so sehr schätzt, sie liebt, wie man eine Sache lieben kann, muss man alles dafür tun, dass es dieser Liebe gut geht. Dass Ibizas Natur erhalten bleibt, dass Menschen hier zufrieden leben können. Das ist mein Anliegen, seit dem ersten Tag, als ich zum ersten Mal auf Ibiza aus dem Flugzeug stieg, ich den Duft nach Meer und der Insel roch und von einer Sekunde zur anderen sicher war: Ich habe mein Paradies gefunden. Es ist auch mein Anliegen, mich für die Insel in jeder Ausgabe von IbizaHEUTE einzusetzen und Klartext zureden. Ganz gleich, ob es der Politik und der Insel-Lobby gefällt oder nicht.
Ach ja, ich hatte geschrieben, dass ich mir für jeden Adventssonntag etwas Besonderes vornehme. Heute wird es ein langer Spaziergang an der Elbe sein. Denn ich bin jetzt in Hamburg, um mit der Familie und Freunden Weihnachten und den Jahreswechsel zu feiern. Ich hoffe, auch Sie werden fröhliche Weihnachten im Kreise von Menschen erleben, die Sie lieben. Dabei ist es ganz gleich, wo man ist. Heimat und Glück gibt es dort, wo man liebt und geliebt wird.
Herzlichst, Ihr Dieter Abholte



