Unser Chefredakteur schreibt über die Veränderungen, über den Weg der Zeit und darüber, wie Erinnerungen wach bleiben und auch die Veränderung liebenswerter machen.
Liebe Leser,

wahrscheinlich haben viele von Ihnen meine Reportage über die Route der Mandelblüten gelesen, die wir heute auf diesen Seiten veröffentlicht haben. Ich war gestern dafür auch im Tal der Krone in Santa Agnès. Es war eine schöne Fahrt über die Höhenstraße von Sant Antoni ins Tal der Krohne. Es war aber auch ein Erlebnis mit Wehmut. Ich erinnerte mich an die vergangenen Jahre, an eine Wolke in Weiß und Rosa, als Hunderte von Mandelblüten in voller Blüte standen.
Mit IbizaHEUTE haben wir Wanderungen mit unseren Lesern in der Sonne durch das Meer der Blüten gemacht. Dazu auch Mandelblüten-Wanderung bei Vollmond. Lange ist es her, bestimmt 15 Jahre. Es waren so viele Leser dabei, dass wir zwei Gruppen von 30 oder 40 Lesern bilden mussten. Nach den Wanderungen gab es das Tortilla-Essen bei Toni im Can Cosmi. Zweimal hatte ich mit Genehmigung des Bischofs anschließend Konzerte in der kleinen Dorfkirche organisiert. Einmal mit einem Chopin-Preisträger und eigens beschafftem Flügel als Klavierkonzert. Das zweite Konzert mit dem Flamenco-Gitarristen Paco Fernandez und seinem Trommler.
Der Pfarrer hatte vor Freude Tränen in den Augen
Es waren einmalige Abende. Der Pfarrer hatte Tränen vor Glück in den Augen, dass er das in seiner kleinen Kirche erlebte. Und die war voll mit fast 100 unserer Leser. Die Künstler – auch der sonst hoch bezahlte Paco Fernandez – wollten kein Geld haben. „Ich mache das gerne für dich und deine Leser“, sagte er und legte dabei seine Hand aufs Herz. Es war bewegend, wundervoll. Es gab auch eine Szene, die mich sehr getroffen hat und an die ich mich noch heute erinnere: Wir nahmen für das Konzert damals pro Person 5 Euro, als Spende für die Kirche. Alle zahlten das gerne – bis auf eine deutsche Familie, die im teuren Auto ankam: Eltern, zwei halbwüchsige Kinder. Der Mann weigerte sich, die lächerlichen 5 Euro zu zahlen, verkündete lautstark, dass er keine Lust habe, IbizaHEUTE reich zu machen, und zog schimpfend davon. Ein Einzelfall, aber mich hat das sehr getroffen…
Genauso wie es mich trifft, wenn jemand fordert, dass wir bitte alle Berichte auf IbizaHEUTE-Online frei zu veröffentlichen hätten. Auf meine Frage, wer denn die Arbeit der Mitarbeiter zahlen solle und ob er ohne Gehalt in der Redaktion arbeiten wolle, wenn seine Fähigkeiten ausreichten, kommt dann meist keine Antwort. Auch das sind Einzelfälle, aber mich ärgern sie, weil da nicht wertgeschätzt wird, was mein Team und ich jeden Tag leisten…
Doch zurück zum Thema und meinen Erinnerungen von gestern, wo alles anders war. Es gab kein Blütenmeer von Mandelbäumen mehr, sondern nur einzelne – aber wunderschöne – Bäume. Das Can Cosmi war geschlossen, der Wind wehte Blätter über die leere Terrasse. Ich traf zufällig Toni gegenüber beim „Ses Palmera“, der uns wohl im Laufe der Jahre mehr als hundert dampfende Tortillas auf die Tische gestellt hatte. Er hört auf, das Alter… Toni hat sein Restaurant weitergegeben, und hofft, dass alles ein wenig so bleibt wie früher. Jetzt wird umgebaut. Der ehemalige Ledershop, in dem ein Deutscher Gürtel und Taschen in Handarbeit schuf, ist schon lange zu.

Ein wunderbarer stiller Ort: die kleine Kirche
Nur noch die kleine Kirche ist geöffnet. Weiß getüncht, spartanisch – aber ein wundervoller Ort, um sich zu sammeln, auch wenn man nicht gläubig ist. Ich bin gerne dort. Im Winter hält sie den Sturm ab, im Sommer ist sie herrlich kühl. Meist ist man alleine, setzt sich auf eine der alten Bänke, schaut auf den Altar, auf die manchmal, laienhaft, aber mit viel Herz und Glauben, geschnitzten alten Heiligenfiguren, und kehrt in sich. Ein Ort der Ruhe, alles Laute ist ganz weit weg. Man ist alleine mit seinen Gedanken, wird geerdet. Kein Handy klingelt, was im winzigen Santa Agnès ohnehin überraschend wäre. Denn Handy-Empfang ist hier fast ein Wunder, und das bietet auch die Kirche nicht.
Warum haben wir damals all diese Wanderungen und die Konzerte in der Kirche gemacht? Warum die Mühe, der Aufwand? Wir haben mühsam in Deutschland Fackeln für eine Fackelwanderung unter dem Vollmond besorgt. Die fand auch nur einmal und dann nie mehr wieder statt. Grund: Eine Dame verlangte von uns Schadenersatz, weil ihre Jacke ein paar Wachs-Spritzer von der Fackel abbekommen hatte, ein Wanderer warf seine Fackel in die Natur, weil er sie nicht mehr wollte – brennend. Unser damaliger Kollege Dino erstickte sie mit einer Decke, die wir vorsorglich mitgenommen hatten. Das reichte mir…
Doch zurück zur Frage: Warum haben wir diese Veranstaltungen mit viel, viel Einsatz gemacht? Weshalb unsere IbizaHEUTE-Wanderungen mit eigenen Wanderführern erst Rolf Hürten, dann Josef? Der noch immer unsere IbizaHEUZE-Wanderungen macht und gestern mit unseren Lesern an der Talamanca unterwegs war. Weshalb haben wir die IbizaHEUTE-Feinschmecker-Treffs eingeführt? Die Antwort ist: aus Liebe zur Insel. Ich wollte unseren Lesern, nicht nur im Magazin, sondern auch durch unsere Veranstaltungen, die Einmaligkeit der Insel näherbringen und ihnen das Ibiza zeigen, das mich so begeisterte. Und beim Feinschmecker-Treff wollte und will ich Menschen zusammenbringen, die ähnliche Interessen haben, die sich wiedertreffen, die oft zu Freunden werden. Das Besondere auf Ibiza zu zeigen und zu erleben, darin sehen mein Team und ich unsere Aufgabe.
Erleben Sie die Insel, wie sie jetzt ist – mit Erinnerungen
Gestern in Santa Agnès bei meinen Erinnerungen an früher, wurde mir eins klar – und den Gedanken möchte ich mit Ihnen teilen: Erleben und genießen Sie die Insel, wie sie jetzt ist, denn diese Zeit kommt nicht wieder. Es gibt im Tal der Krone nicht mehr hunderte Mandelbäume, sie starben, weil sie zu alt waren, weil sie nicht gepflegt wurden, weil sich Mandelanbau nicht mehr lohnte. Es gibt nicht mehr den immer gut gelaunten Toni mit seiner rauen Stimme im Can Cosmi. Gut, neue Mandelbäume wurden gepflanzt, aber es dauert Jahre, bis sie blühen. Das Can Cosmi bekommt neue Besitzer, aber es ist nicht mehr der alte Charme. Alles verändert sich und das erleben wir extrem auf Ibiza.
Da helfen mir manchmal die Erinnerungen, die mit jedem Ort, mit jedem Erlebnis verbunden sind, um das neue Ibiza zu akzeptieren – auch das, was ich nicht gut finde. Ich sage nicht: Das ist doch furchtbar! Ich denke, schön, dass ich die Insel von früher erlebt habe. Zum Glück gibt es aber auch weiter das alte Ibiza. Aber es wird weniger, sehr schnell weniger… Was mir gestern in Santa Agnès doch sehr eindringlich bewusst wurde. Trotzdem ist Ibiza einzigartig und wird es für mich auch immer bleiben. Zur Liebe gehört auch die Erinnerung… Ich denke, vielen von Ihnen geht es ähnlich.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche.



