Auf Ibiza und den Nachbarinseln entwickelt sich die illegale Hausbesetzung zunehmend zu einem profitablen Geschäftszweig. Obwohl statistisch gesehen nur 0,06 Prozent aller Immobilien betroffen sind, warnen Experten vor einer wachsenden Zahl organisierter Gruppen, die systematisch die langsamen Prozesse der Justiz ausnutzen.
Es gebe Menschen, die dies zu „ihrer Lebensgrundlage“ gemacht hätten, erklärt der Rechtsanwalt Enrique Oltra, der vor allem auf den Balearen und in Andalusien tätig ist. Diese Personen machten die Hausbesetzung zu einem Geschäftsmodell: Sie observieren zum Verkauf stehende, leerstehende Immobilien, verschaffen sich gewaltsam Zutritt und installieren neue Schlösser sowie Alarmanlagen.
Mit Quittung vom Pizza-Service fein raus
Das perfide System funktioniere längst nach einem ausgeklügelten Schema, so Oltra. Die Besetzer „treten anschließend als vermeintliche Vermieter auf“ und kassierten von – nicht immer – ahnungslosen Mietern hohe Vorauszahlungen. Um ihre illegale Präsenz nach spanischer Rechtssprechung zu legitimieren, ließen sie sich bereits vor der Besetzung Essen an die entsprechende Adresse liefern, um entsprechende Quittungen zu erhalten. „Bei späteren Polizeikontrollen können sie so vortäuschen, bereits länger dort zu wohnen“, sagt der Anwalt.
Auch die Dekoration des besetzen Hauses wird auf die Rechtslage abgestimmt: „Die Täter platzieren gezielt Kinderbetten, Familienfotos und Spielsachen in den Wohnungen, um Familienstrukturen vorzutäuschen und rechtlichen Schutz zu beanspruchen“, erzählt Oltra aus Erfahrung. Manche fertigten sogar gefälschte Mietverträge an.
Staat entzieht sich seiner Verantwortung
Auch der Rausschmiss aus der besetzen Immobilie wird zu Geld gemacht. Oltra berichtet von „Unternehmen mit mafiösen Strukturen“, die gegen Zahlung von 3000 bis 6000 Euro die Wohnung wieder räumten – in extremen Fällen würden bis zu 40.000 Euro gefordert. Denn einige Besetzer zögen mit ihren Verfahren bis vor europäische Gerichte, um Zeit zu gewinnen. Das treibe so manchen Eigner zur Verzweiflung – und in die Hände von Rausschmeißertrupps.
Auf den Balearen wurden 2024 nach offiziellen Zahlen insgesamt 514 Fälle von Hausfriedensbruch oder widerrechtlicher Aneignung gemeldet – hundert mehr als im Vorjahr. Landesweit waren in Spanien 16.400 Immobilien von Hausbesetzung betroffen. Oltra sieht die Ursache auch in der unzureichenden staatlichen Wohnungsbaupolitik: „In Spanien wird kaum öffentliche Wohnraumförderung betrieben“, kritisiert er. Der Staat delegiere das Problem des Zugangs zu einer Mietwohnung an private Eigentümer – „ohne diese ausreichend zu schützen“.



