Unser IbizaHEUTE-Chefredakteur schreibt über den fehlenden Wohnraum für Personal, das auf den Inseln dringend gebraucht wird. Er nennt die Hilflosigkeit der Politik beim Namen und das Ärgernis, das Geschäftemacher mit der Not der Menschen Geld scheffeln…
Liebe Leser,

mich ärgert wieder etwas ganz gewaltig. Und das ist aufs Neue der mehr als knappe bezahlbare Wohnraum auf Ibiza und Formentera. Was damit verbunden ist, erleben wir alle täglich: Menschen, die auf den Inseln arbeiten wollen und dringend benötigt werden, finden keine bezahlbare Unterkunft und bleiben weg. Das bedeutet: Handwerksbetriebe finden keine Arbeiter, Restaurants und Hotels nicht genügend Personal, Kliniken zu wenig medizinische Fachkräfte, die Polizei zu wenig Polizisten, die Ämter nicht genügend Fachkräfte.
Was das für Inseln wie Ibiza und Formentera in der nun beginnenden Saison bedeutet, dürfte auch dem letzten Hinterbänkler in der Politik klar sein: Die Insel-Wirtschaft leidet, weil sie keine Aufträge abarbeiten kann. Touristen sind sauer, weil zu wenig Service-Personal oder ungeeignete Hilfskräfte ihnen die Freude an Essen und Wein verderben. Andere Restaurants machen gar nicht erst auf. Der Polizei fehlen Kräfte, die dringend gebraucht werden. Darüber freuen sich dann Einbrecher, Handtaschendiebe, Drogenhändler – aber nicht die, bei denen eingebrochen oder die beraubt werden.
Und die Arbeitskräfte, die trotzdem kommen, erwarten nicht selten unmenschliche Lebensbedingungen. Dazu gehören Apartments, wo man zu sechst in einem Raum schläft – für viel Geld natürlich. Oder das Schlafen im Auto mit der Dusche am Strand. Menschenunwürdig? Natürlich! Aber da gibt es ja noch den Ausweg: der Wohnwagen. Die werden vor allem auf Ibiza immer mehr und stehen sozusagen an allen Ecken.
Das ist natürlich nicht unbedingt ein schöner Anblick und kann auch Anwohner nerven. Auch die Rathäuser möchten sich nicht ihr schönen Gemeinden durch Wohnwagen-Siedlungen verschandeln lassen. Siehe unser Report auf IbizaHEUTE-Online vom 26. März. Die Bürgermeister handeln – mit dem Einsatz der Ordnungskräfte. Sie sollen so in Eivissa einschreiten, wenn Wohnwagen länger als 72 Stunden auf Parkplätzen oder Straßen stehen.
Die Folge: Geschäftemacher erkennen die Marktlücke und nutzen die Not der Menschen in den Wohnwagen aus. Sie bieten auf Privatgrundstücken Plätze für Zelte und Wohnwagen an. Für Preise von 350 pro Monat, mit Strom und Wasser wird es noch teurer: 500 Euro. So beim Industriegebiet bei Can Bufí, wo schon 1000 Menschen leben sollen. Da lässt sich schnell hochrechnen, dass der Besitzer für seine eigentlich wertlose Wiese pro Monat zwischen 125.000 und 200.000 Euro kassiert. In Sant Antoni verlangt ein Grundstückbesitzer sogar 700 Euro pro Stellplatz im Monat. Dafür konnte man vor ein paar Jahren noch eine ganze Wohnung mieten.
Und was macht die Politik? Sie schaut dieser Not und diesem Wucher zu. Dabei wäre es ein Leichtes, das zu ändern. Ich wette, jede Gemeinde hat irgendwo ein Grundstück, um dort einen Platz für Wohnwagen zu einem fairen Preis zur Verfügung zu stellen. Wasser und Strom sind schnell gelegt. Das würde erst einmal helfen. Und dann sollte man sich schnellsten überlegen, mehr und schnell Wohnraum zu schaffen. Und bitte ohne die Überheblichkeit der Politik, an die ich mich auf Mallorca erinnere.
Dort wollte ein Unternehmer Container-Hotels bauen, die übrigens weder hässlich noch ungemütlich, sondern wirklich wohngerecht – und vor allem schnell aufgebaut sind. Die damalige Regierung lehnte das trotz extremer Wohnungsnot ab, mit dem Argument: Solch eine Bebauung passe nicht ins Bild der Insel. Man dürfe nur im Insel-Stil und mit Insel-Materialien bauen!
Bei solcher Überheblichkeit und Ignoranz gegenüber den Menschen, die keine Unterkunft haben, würde ich den Verantwortlichen empfehlen, mal für einen Monat in einem Zelt oder einem Wohnwagen zu leben, wo beides bei der Sommerhitze unerträglich ist. Und dafür bitte noch ein halbes Monatsgehalt zahlen, wie es die Menschen auf den Stellplätzen auch zahlen müssen.
Gleich noch ein Beispiel von Ibiza. Dort wollte ein Unternehmer auf seinem Grundstück zügig Wohnungen und Apartments für seine Angestellten und Arbeiter bauen. Antrag abgelehnt. Nach irgendeinem Paragrafen dürfe auf dem Grundstück, das übrigens nicht einsehbar ist und der Bau niemanden gestört hätte, keine Wohnanlage errichtet werden …
Mit solchen Entscheidungen fördert man übrigens auch die Ocupas, die verstärkt auf der Insel unterwegs sind, um Wohnungen und Häuser zu besetzen und sich dabei auf das spanische Gesetz berufen, dass jedem Menschen in Spanien menschenwürdiger Wohnraum zusteht. Das kann offensichtlich auch Wohnraum sein, der fremdes Eigentum ist …
Ich bin gespannt, wann die Politik endlich aufwacht und dafür sorgt, dass hier genug dringend gebrauchte Arbeitskräfte Wohnraum finden und nicht wegbleiben. Schon jetzt in der Vorsaison sehen wir doch alle schon die Folgen. So konnte etwa das La Casita nicht wie geplant schon am Valentinstag, 14. Februar, öffnen. „Ich finde kein Personal für Küche und Service“, stellte Chef Johannes bitter fest und wird wohl erst Mitte April öffnen, falls er bis dahin Personal findet.
Wie sagte mir einer unserer Freunde neulich: „Wenn das mit den Preisen und der Wohnungsnot auf Ibiza so weitergeht, sitzen manche in ein paar Jahren in ihren Villen und finden weder Handwerker noch Personal, auch keine Polizisten, die sie schützen und kein medizinisches Personal, das sie betreut, wenn es nötig ist. Dann will niemand hier mehr seine Millionen ausgeben!“ Zugegeben, das ist etwas sarkastisch, aber es enthält schon einiges an Realität, wie wir sie jetzt schon erleben.
Doch schieben wir den Ärger weg. Das Wochenende ist eigentlich viel zu schön auf den Inseln, um schlechte Laune zu haben. Ich freue mich darauf, nachher Freunde in einem Restaurant an der Talamanca zu treffen, die wieder auf der Insel sind. Eine Lubina im Salzmantel haben wir vorbestellt, dazu eine Flasche Wein, der Blick aufs Meer – und die Seele baumeln lassen. Das ist heute mein Sonntagsprogramm. Ich hoffe, auch Sie haben einen entspannten und angenehmen Sonntag, wo immer Sie sind. Und sollten Sie auf Ibiza einen Politiker treffen, sagen Sie ihm Ihre Meinung. Ich werde es gleich am Montag wieder tun …



