Liebe Leser,

kennen Sie den Satz auch, der da lautet: „Auf Ibiza dreht sich doch alles – oder fast alles – nur noch ums Geld. Die normalen Menschen der Insel sind denen da oben doch egal.“ Ich muss gestehen, den Satz habe ich wohl auch schon mal gebraucht – oder zumindest im Kopf gehabt. Dann nämlich, wenn große Gastronomie-Ketten die kleinen Familienbetriebe auf der Insel schlucken. Oder wieder eins der traditionellen Chiringuitos von einem Beach-Club vertrieben wird, der mehr Geld für die Strandmiete zahlt. Und natürlich auch dann, wenn der Vermieter der Liegen am Strand, frech das von den Behörden aufgestellte Schild mit dem erlaubten Preis nur mild belächelt und mir dann erklärt: „Das sind private Liegen, die kosten mehr – 100 Euro pro Person Mindestverzehr.“
Ich zahle das natürlich nicht, sondern schreibe meine Mail über die Beschwerde-App ans zuständige Rathaus. Die Touristen machen das nicht. Sie zahlen, weil man ja auf Ibiza mit hohen Preisen rechnet – und man ja eine Liege unbedingt möchte. So wird Kriminelles belohnt, wie bei den Liegen-Vermietern am Strand. Deren Machenschaften fliegen übrigens kaum auf. Wenn die Kontrolleure auftauchen, die jeder der Vermieter wohl kennt, wird mit treuem Blick versichert: „Wir nehmen natürlich nur den erlaubten Preis!“ Ist der Kontrolleur weg, wird weiter kassiert. Für solche Vorgänge zu melden, gibt es die App „Lina VERDE“, die Sie kostenlos auf Ihr Handy laden können. Ein gutes Instrument bei Abzocke, aber auch bei anderen Vorkommnissen.
Doch zurück zur schnell und weitverbreiteten Ansicht: Auf Ibiza zählt nur das Geld und nicht der Mensch! Meine Erfahrungen in der vergangenen Woche haben mich gelehrt, dass es so nicht stimmt. Zumindest nicht von den Politikern, die die Insel und die Gemeinden als Präsident oder Bürgermeister regieren. Da war mein Interview mit Vicent Marí, dem Inselrat-Präsidenten, der sagte: „Das oberste Ziel der Politik muss sein, dass sich die Menschen wohlfühlen, die hier leben.“ Nicht die Touristen, sondern die Bewohner Ibizas stehen für ihn an erster Stelle.
Noch ein Beispiel: Es geht um die Ausrichtung des Mittelalterfestes am zweiten Wochenende im Mai. Da nimmt die Insel-Hauptstadt über 90.000 Euro für das Programm in die Hand. Durchaus lukrativ für die Firma, da das Programm ausrichtet. Den Zuschlag bekam die Firma, die die meisten Menschen mit Behinderung beschäftigt. Bei der ausgewählten Firma sind es 100 Prozent. Wir berichteten hier darüber: Mittelalterfest
Ich muss gestehen, das hat mich wirklich positiv überrascht. Und ich werde in Worten und Gedanken vorsichtiger mit dem Satz umgehen: „Auf Ibiza zählt ja nur noch das Geld!“ Mit der Verbreitung solcher und ähnlicher Slogans machen Populisten Stimmung gegen die Politik und gehen auf Stimmenfang – leider mit Erfolg. Das gilt für Ibiza wie für Deutschland.
Bei meiner Meinung, dass für einige Geschäftemacher wirklich nur das Geld und nicht der Mensch gilt, bleibe ich. Da muss ich mir nur die unverschämten Preise einiger Restaurants ansehen. Oder die Tatsache, dass große Gastro-Unternehmen kleine Traditions-Betriebe aufkaufen, schnell renovieren und dann Preise aufrufen, die vollkommen absurd für die gebotene Qualität sind. Aber dagegen habe ich meine Waffe: Ich gehe da nicht mehr hin. Und wenn es viele ähnlich machen, scheitert die Gier und der Mensch gewinnt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag, was ja nicht schwerfallen sollte beim Traumwetter auf den Inseln. Aber auch einen schönen Sonntag für Sie, wenn Sie nicht auf den Inseln sind. Und übrigens: Mein Interview mit dem höchsten Politiker Ibizas lesen Sie ausführlich in unserer IbizaHEUTE-Print-Ausgabe, die ab Anfang Mai am Kiosk und bei unseren Abonnenten ist.
Herzlichst, Ihr Dieter Abholte





