Am 20. November 1975 starb Spaniens Diktator Francisco Franco. Für die Regierung von Pedro Sánchez beginnt damit die Demokratie, und ein großes Programm erinnert an die „50 Jahre in Freiheit“. Damit sind nicht alle einverstanden. Clementine Kügler berichtet.
Dass der Todestag des Diktators schon jetzt im Januar eine Rolle spielt, hat viele Spanier überrascht. Gedenken am echten Todestag Francos, dem 20. November, hätte doch mehr als gereicht, finden sie. Selbst sozialistische Mitstreiter erinnern daran, dass die Diktatur noch drei Jahre weiterging und das Referendum zur demokratischen Verfassung am 6. Dezember 1978 der eigentliche Beginn der Freiheit sei.
Erinnern und aufklären
Die konservativen PP-Politiker und die der ultrarechten Vox halten das Programm von Sánchez für ein Ablenkungsmanöver von den Gerichtsprozessen, in die sein Bruder, seine Ehefrau und seine Partei verwickelt sind. Man solle die Vergangenheit ruhen lassen?
Der sozialistische Regierungschef aber argumentiert, dass viele junge Menschen nicht mehr wüssten, wer der General Francisco Franco war und wie es in seiner Diktatur zuging. Sie könnten die enormen Anstrengungen der Spanier, eine der stabilsten und erfolgreichsten Demokratien aufzubauen, nicht würdigen.

Tatsächlich zögen heute, Umfragen zufolge, 26 Prozent der 18- bis 26-jährigen Männer „unter Umständen“ ein autoritäres Regime einer Demokratie vor. Bei den Frauen sind es 18 Prozent. Das klingt verwunderlich, steht aber im Einklang mit dem Wahlverhalten in Polen, Ungarn, Italien, Brasilien und den USA.
100 Veranstaltungen
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn Konsens herrschen würde anlässlich solch historischer Momente und nicht jede Partei ihr eigenes Süppchen kocht. Die Regierung plant an die 100 Veranstaltungen, so Gesprächsrunden, TV-Serien, Vorträge, Ausstellungen und Würdigungen, um die Entwicklung von der Militärherrschaft zur aufgeschlossenen Demokratie sichtbar zu machen.
Schwierige Vergangenheitsbewältigung
Ob an den Schulen entsprechende Aufklärung erfolgt, hängt nicht von der Regierung ab, sondern von den Landtagen, und elf von 17 Regionen werden konservativ regiert. Wie die überregionale Tageszeitung „El País“ schreibt, ist für die PP und für Vox Unterricht über die Repression unter Franco nicht vorgesehen, „das halten sie für Indoktrination“.
Vergangenheitsbewältigung ist wie überall auch in Spanien ein sehr schwieriges Thema. Manche Wunden aus dem blutigen Bürgerkrieg sind nie verheilt. Familien spalteten sich in Franquisten und Republikaner. Die Suche nach getöteten Vätern, Großvätern und Ehemännern ist nicht abgeschlossen, weil Ausgrabungen lange Zeit unterblieben.

Es ist erstaunlich, dass der Übergang in die Demokratie in Spanien so friedlich verlief, fast ohne Blutvergießen und Abrechnungen. Dazu gehört auch der Tod des greisen Diktators im Bett nach schwerer Krankheit. Er wurde nie gestürzt. Als sein Leichnam 2019 aus dem Valle de los Caídos exhumiert und auf den kleinen Friedhof Mingorrubio-El Pardo gebracht wurde, regte sich zwar Widerstand seiner Familie und Anhänger, der immense Großteil der Bevölkerung aber begrüßte diese längst fällige, historische Geste.
Rolle von König Juan Carlos I.
Ein heikles Thema ist die Rolle des Ex-Königs Juan Carlos I. Er ist von Franco zum Nachfolger als Staatsoberhaupt berufen worden und hat die Transition durch die schwierigen Jahre geführt. Den Putschversuch der Militärs vereitelte er 1981, auch wenn es wilde Theorien über seine Rolle gibt. Erst als sich die amourösen und finanziellen Skandale in den vergangenen Jahrzehnten häuften, geriet seine Position wirklich ins Wanken. Seit Jahren lebt er in den Vereinigten Emiraten. Ob er an den Festakten teilnimmt, soll sein Sohn, König Felipe VI. entscheiden, so die Regierung.

Zu den Gedenkakten gehören die Kranzniederlegungen in den Konzentrationslagern. Zunächst werden am 27. Januar Spaniens König Felipe VI. und Sánchez in Auschwitz der Befreiung des KZs vor 80 Jahren gedenken. Im April folgt Buchenwald. Seine Internierung dort beschreibt Spaniens späterer Kulturminister und Schriftsteller Jorge Semprún eindringlich in seinem Buch „Was für ein schöner Sonntag“. Die mit Ibiza verbundene Violinistin Lina Tur Bonet gibt dort ein Konzert. Im Mai gedenkt die Regierung der Befreiung von Mauthausen, wo besonders viele Spanier interniert waren.
Pedro Sánchez hat Anfang Januar das Museum für Zeitgenössische Kunst Reina Sofía in Madrid für den ersten Gedenkakt gewählt. Dort hängt Picassos monumentales Antikriegsbild „Guernica“, das die Zerstörung der baskischen Stadt durch deutsche Flugzeuge der Legion Condor anprangert und Spanien 1937 auf der Weltausstellung in Paris vertrat. Da tobte in Spanien schon der Bürgerkrieg. Und die Republikaner hatte gegen die Unterstützung Francos durch die Faschisten in Italien und Deutschland keine Chance.
Übertriebene Warnung?
Die „Mallorca Zeitung“ zitiert aus Sánchez‘ Rede: „Der Faschismus, den wir bereits als überwunden betrachtet haben, ist bereits die drittstärkste politische Kraft in Europa. Die reaktionäre Internationale, angeführt vom reichsten Mann des Planeten, attackiert unsere Institutionen, sie schürt Hass und ruft offen zur Unterstützung für die Erben des Nationalsozialismus in Deutschland auf“, kritisierte er. Übertrieben? Vielleicht nicht: Am Montag hob Elon Musk nach der Amtseinsetzung von Donald Trump seinen Arm zweimal zu einem Gruß, den viele Menschen für einen Hitlergruß halten.



