Editorial von Dieter Abholte: Wie ich es sehe…

So sterben Chiringuitos, werden Strandliegen zu Nepp!

IbizaHEUTE Chefredakteur Dieter Abholte ist überzeugt: Zumindest eine Ibiza-Gemeinde ist nicht unschuldig an den illegalen, teuren Preise der Strandliegen und das Sterben der alten romantischen Strand-Kioske, weil Geld offensichtlich wichtiger ist, als Tradition und Verantwortung für Menschen, die der Insel ihre Einmaligkeit gegeben haben…

Liebe Leser,

Dieter Abholte

es wird ein warmer Sonntag auf Ibiza und Formentera. Da ist für viele auf den Inseln der Strand angesagt. Eine Sonnenliege mieten, dazu einen Schirm, vielleicht gibt es auch einen kleinen Tisch, wo man die mitgebrachte Wasserflasche und den Snack abstellen kann – oder der vom Beach-Club servierte Champagner im Eiskühler seinen Platz findet. Und schon sind wir beim Thema meiner heutigen Gedanken: die Konzession für die Strandliegen und die Chiringuitos. Das wird immer mehr zum lukrativen – für mich auch zweifelhaften – Geschäft für die Gemeinden.

Gerade hat Sant Josep neue Konzessionen für Sonnenliegen seiner Strände vergeben – und das sind eine Menge: die Cala Bassa gehört dazu, auch die Cala Comte, die Salinen und ein Teil der Platja d’en Bossa. Damit ist Geld zu verdienen. Mit 2,6 Millionen hatte man im Rathaus für 53 Konzessionen gerechnet, kassieren kann man aber über 4 Millionen – und das jedes Jahr von 2026 bis 2029. Die fast 1,5 Millionen mehr füllen die Gemeinde-Kasse, weil die Interessenten – vor allem die für die Liegen – wahnsinnige Preise boten. Ein Beispiel: Die Konzession für die Strandliegen vor dem „Tropicana“ an der Cala Jondal (120 Sonnenliegen, 60 Sonnenschirme) bringt der Gemeinde jetzt 276.000 Euro pro Jahr. Das Startgebot lag bei rund 96.000 Euro. Ein Interessent bot mit den 276.000 fast das Dreifache. Da kann man ja im Rathaus über den Geldsegen erfreut sein! Oder vielleicht doch nicht? Auf das „oder“ komme ich später.

Sant Josep kassiert über 4 Millionen für Strand-Konzessionen

Wohlgemerkt: Das ist die Summe pro Jahr dafür, dass jemand (meist kein Ibizenker) 120 Sonnenliegen dort aufstellen darf, und seine 60 Sonnenschirme in den Sand rammen kann. Der Anschaffungspreis für Liegen, und Sonnenschirme sowie die Kosten für das Personal kommen obendrauf.  Das dürften noch mal 50.000 oder 70.000 Euro sein. Also rund 350.000 Euro zahlt ein Investor für die Liegen am Strand. Und das in der kurzen Ibiza-Saison von drei oder dreieinhalb Monaten. Rechnet sich das? Kaum! Zumindest nicht, wenn man nur die erlaubten 15 Euro für die Liege und die erlaubten 10 Euro für den Sonnenschirm nimmt. Und damit sind wir bei dem, was garantiert wieder an vielen Stränden auf Ibiza passieren wird: Die Liegenvermieter kassieren höhere Preise.

Da kosten die Sonnenliegen nicht die erlaubten 15 Euro, sondern 60 Euro. Oder es gibt die Liege nur in Verbindung mit der Flasche Champagner: Macht 120 Euro! Die nächste Steigerung des illegalen Geschäfts heißt: Liegen gibt es nur in Verbindung mit dem Verzehr im Beach-Club: 160 Euro pro Person, mindestens! Natürlich ist das illegal! Natürlich weist die Gemeinde darauf hin, dass nicht mehr als die erlaubten 15 Euro pro Liege genommen werden dürfen, ganz gleich, ob die dicke Auflage, und das weiße Strandtuch die Liege luxuriös machen. Natürlich kennt die Gemeinde auch diese illegalen Tricks. Sie verspricht Kontrollen und droht mit Strafen, wenn Liegen-Vermieter Touristen und Strandbesucher ausnehmen. Aber trifft die Gemeinde nicht einen Großteil der Schuld?

Bei Strandliegen und Chiringuitos zählt das Geld

Und damit sind wir beim System der Konzessions-Vergabe. Die Flächen für die Liegen und die Plätze für die Chiringuitos, die urigen Strandbuden, werden ausgeschrieben. Da kann sich jeder bewerben und sein Angebot im verschlossenen Umschlag bei der Gemeinde abgeben. Wer das meiste Geld bietet, erhält in der Regel den Zuschlag. Das sind schon lange nicht mehr die Ibizenker, die sich brav an die Vorschriften hielten. Es sind vorwiegend Leute, die nicht auf der Insel leben. Erst haben zwielichtige Unternehmer und die Mafia über die Liegen-Vermietung Gelder gewaschen, dann kamen Geschäftemacher vom spanischen Festland dazu.

Ganz ähnlich bei den Chiringuitos. Und das traf jetzt die bisherigen Betreiber von „Cala Escondida“ in der Bucht Racó d’en Xic (Bericht hier). Sie sind ihre Konzession los und müssen ihren Kiosk abbauen. Sie hatten 45.000 Euro pro Jahr geboten, ein anderer mit 132.000 Euro fast das Dreifache. Dass die bisherigen Betreiber einen der romantischsten und umweltfreundlichsten Chiringuitos der Insel geschaffen hatten, zählt nicht. Sie sitzen nun auf der Straße…

Es zählt – und das ist für mich das Erschreckende – zumindest in der Gemeinde Sant Josep wohl an erster Stelle das Geld. Sieht man im Rathaus die Folgen nicht, oder will man sie nicht sehen? Aber sie sind da: der Nepp bei Liegenvermietern und ihre Unverschämtheit. Denn wenn man nicht bereit ist, den Preis zu zahlen, erhält man vom grinsenden Liegen-Vermieter die Auskunft: „Sorry, leider reserviert!“ Auch das ist eigentlich nicht gestattet, aber wer soll das kontrollieren? Fakt ist: Durch diese fragwürdige Konzessions-Vergabe an den Meistbietenden werden die Preise hochgetrieben, wird der Nepp unterstützt, und der fragwürdige Ruf  Ibizas weiter in die Welt getragen. Und der lautet: Normale Menschen können sich Ibiza nicht mehr leisten!

Jetzt ist es Zeit, eine Lanze für die fairen Vermieter von Strandliegen zu brechen, die sich an die vorgegebenen Preise halten. Sie gibt es zum Glück noch genug. Vor allem an den Stränden, wo keine teuren Beach-Clubs oder Restaurants sind, die mit den Vermietern der Sonnenliegen Absprachen haben. Da kosten die Liegen genau das, was auf den Schildern steht, die von den Gemeinden am Strand aufgestellt sind.

Das Geschäft am Strand zieht auch unseriöse Geschäftemacher an

Doch zurück zu den schwarzen Schafen und dem Beispiel Sant Josep. Besteht eine Möglichkeit, zu verhindern, dass nur noch das Geld zählt und Tradition und Menschlichkeit verdrängt werden? Ich sage JA. Wie wäre es, wenn die Gemeinde faire Preise für die Konzessionen von Strandliegen und Chiringuitos festlegt? Die lassen sich aus den steuerlichen Umsätzen ja leicht feststellen, zumindest annähernd. Dann könnten sich Interessenten zu diesem festgelegten fairen Preis bewerben. Das Rathaus prüft und entscheidet, wer den Zuschlag bekommt. Da wären die ganz vorn, die ihre Chiringuitos aufgebaut haben oder schon seit Jahren Liegen vermieten: ibizenkische Familien-Betriebe, Leute aus der Gemeinde, die man kennt und denen man vertraut.

Wetten, dass dann die Geschäftemacher oder die Mafia sich erst gar nicht bewerben würden, denn sie könnten keine Geschäfte machen? Wetten auch, dass mein Vorschlag nicht Wirklichkeit wird? Sant Josep nimmt nun statt der eingeplanten 2,6 Millionen über 4 Millionen ein. Und 1,4 Millionen mehr in der Kasse der Gemeinde sind letztlich ein starkes Argument. Da freut man sich wahrscheinlich. Und wieder einmal ist das Geld wichtiger als Moral, Verantwortung, Menschlichkeit…

Die neue IbizaHEUTE ist auf dem Weg vom Drucker nach Ibiza

Natürlich mache ich bei den Geschäftemachern am Strand nicht mit. Ich weiß, wo man Sonne und Meer bei fairen Preisen genießen kann. Und mir sind mein Badetuch im weichen Sand und mein mitgebrachter Sonnenschirm sowieso lieber, als die Batterie von Liegen, wo ich ungewollt das Gespräch und den Duft diverser Sonnen-Creme der Nachbarn anhören und riechen muss. Ach ja, solch romantische Strände finden Sie hier bei IbizaHEUTE-Online unter der Rubrik „Strände“ und natürlich auch immer wieder im Magazin von IbizaHEUTE. Unsere Juli-Ausgabe ist unterwegs und wird pünktlich zum Monatsanfang am Kiosk sein.

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sonntag und einen guten Start in die Woche, wo immer Sie sind. Hier auf den Inseln wird die Wärme bleiben, in Deutschland und Österreich verabschiedet sich die Hitzewelle ab Montag. Das ist doch eine gute Nachricht.

Herzlichst, Ihr Dieter Abholte

 

 

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